Samstag, 10. Mai 2014

Vennbahn



IC Eupen-Oostende
Einst wurden hier schwere Kohlezüge in Doppel- und Dreifachtraktion aus dem Aachener Steinkohlerevier über den über die Ardennen in zu den luxemburgischen Stahlhütten gezogen, dann folgten zwei Kriege. Zwei Mal binnen weniger Jahre wurde Belgien vom  Deutschen Reich überfallen, zwei Mal diente die zweigleisige Hauptbahnstrecke dem Aufmarsch der deutschen Truppen. Das war zwei Mal zu viel. Neben den beiden Eifelkreisen Malmedy und Eupen wurde auch die Bahnstrecke nach dem II. Weltkrieg Belgien zugesprochen, auf das dies nie wieder passieren solle. Als kleiner Junge habe ich die riesigen Dampflocks noch gesehen - selten, denn das Aachener Revier war schon ausgekohlt und die Eifel ist dünn besiedelt. Es gab nichts mehr zu transportieren und die Bahnstrecke verlor zusehends an Bedeutung. Sie wurde immer weiter zurück gebaut und vor der Jahrtausendwende kam das Aus. Ein Kuriosum ist jedoch unverändert geblieben: die ehemalige Bahntrasse trennt im Westen fünf deutsche Exklave vom restlichen Bundesgebiet ab. In den Friedensverträgen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschlossen wurden, hatte man niemals an einen kompletten Abbau der Bahnstrecke gedacht und somit ist auch eine Rückgabe des 30-50m breiten Gebietsstreifens an Deutschland nicht vorgesehen.

Bahnhof Liège-Guillemins
Nach dem Ende der Bahn entstand hier jedoch etwas wundervolles. Der, mit 125 Kilometern länge, längste Bahntssenradweg Europas, der mit einer maximalen Steigung von 2% die Mittelgebirgsregion der Eifeln und Ardennen für den Radverkehr erschließt. Eingebettet ist dieser Weg in das belgische RAVeL-Netz (Réseau Autonome de Voies Lentes), ein Fernwegenetz für den nichtmotorisierten Verkehr (Fußgänger, Radfahrer, Skater, Reiter, Rollstuhlfahrer) mit sehr hohen Standards. Da der Vennbahnweg in diesem Jahr nach vielen Jahren Bautätigkeit endlich durchgängig befahrbar ist, brannte es mir schon seit ein paar Wochen unter den Fahrradreifen und beim ersten Besuch in meiner Heimatregion ging kein Weg mehr daran vorbei.

Bahnhof Troisvierges
Schon um 6:45 Uhr, kurz vor Sonnenaufgang, starteten wir, mein fast achtzigjähriger Vater, meine Schwester und ich in meinem Heimatdorf. In der Nacht hatte es Bodenfrost gegeben und Reif lag auf den Wiesen. Der Grund für dicke Handschuhe, Schal, Mütze, zwei paar Socken und dafür, dass der Pinscher leider zu Hause bleiben musste. Jenseits der belgischen Grenze blinzelte die Sonne erstmalig über die karge Hochmoorlandschaft und versprach einen prächtigen Tag zum radeln. Ziel der ersten Etappe war die Kleinstadt Eupen. Im deutschen Reich Kreisstadt und heute eines der beiden Zentren der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Vom hiesigen Bahnhof fahren stündlich Intercityzüge zum Seehafen nach Oostende. So weit sollte die Reise jedoch zunächst einmal gar nicht gehen. Ziel war die Provinzhauptstadt Lüttich. Ein gesondertes Fahrradabteil gab es im belgischen Intercity nicht, aber da es nur wenige Fahrgäste unterwegs waren, hatten wir kein Problem. Der Bahnhof Liège-Guillemins, gibt sich weltstädtisch, ein hochmoderner Traum aus Beton,Stahl und Glas - absolut sehenswert. Das Umsteigen war jedoch auch hier bahntypisch. Gleiswechsel 3 Minuten vor Abfahrt und nur ein hektisch winkender Bahnbeamter, abwechselnd auf wallonisch oder flämisch rufend deutete an, dass der Zug nach Luxemburg nun auf einem anderen Gleis abfahren würde. So gerade noch geschafft, nicht zuletzt weil es statt Rolltreppen und Aufzügen Laufbänder gibt, die auf die Bahnsteige führen. Auch luxemburgische Interregiozüge haben leider keine Fahrradabstellmöglichkeiten und diesmal war es deutlich enger. Da blieb manchmal nur freundlich lächeln und auf mangelnde Sprachkenntnis verweisen.  "...je ne comprends pas!" Die Bahnstrecke durch die westlichen Ardennen entlang der Ourthe ist malerisch. Im luxemburgischen Troisvierges (zu deutsch Ulflingen), im Kanton Clerf endet unsere Bahnfahrt im dortigen Bahnhof gleich hinter einem langen Tunnel. Hier fädelte die Vennbahntrasse aus der Bahnstrecke Lüttich-Luxemburg aus und hier begann nun unsere Radtour.

Umleitung

leider 10 % Steigung
Sie begann dann auch gleich mit einem ernsthaften Ansieg. 10% Steigung - nanu, in der Wegbeschreibung war doch von maximal 2% die Rede? Auf der Strecke hat das wohl seine Richtigkeit, aber gleich zu Anfang muss erst einmal der Berg überwunden werden, durch den der, noch von der Bahn genutzte, Tunnel führt. Gleich darauf folgte eine Umleitung wegen eines gesperrten Viaduktes und um dem Eindruck der Startprobleme Nachhalt zu verleihen ist auch der  790m lange Tunnel unter der belgisch-luxemburgischen Grenze bei Wilwerdingen dauerhaft gesperrt. Hier wohne seltene Fledermäuse und bescheren dem geneigten Fernradfahrer eine längere Steigung von 12%. Dies, und der wieder Erwarten auf diesem Abschnitt doch nicht mit Asphalt sondern feinem Granulat belegte Radwanderweg ließen Vater erzürnen. Er sei ja schließlich nicht mehr der Jüngste, sei Rad werde vom staubigen Weg ganz schmutzig und überhaupt habe er sich das anders vorgestellt schimpfte er zügig vorweg fahrend. Unabhängig  davon war führte der objektiv dennoch sehr gute Radweg malerisch durch die belgischen Ardennen über kleine Brücken und durch Tunnel bis nach St. Vith. Hinter dem ehemaligen Bahnhof ist die Wasserscheide zwischen Maas und Rhein gekennzeichnet und ab hier ist auch die Bahnradtrasse durchgehend asphaltiert. Auf einem Rastplatz bei Ondenval war eine Art Bilderrahmen aufgestellt, der im Durchblick die Landschaft zeigt und dreisprachig Erläuterungen zur Landschftsveränderung durch die Menschen in der Region von sich gab. Die deutsche Version klang, mit markantem ostbelgischen Toneinschlag und in oberlehrerhafter Art, ausgesprochen peinlich. Bei Müsliriegel und Plastikflaschenkaltcappucino klang die französiche Version durchaus angenehmer. Die holländische hingegen funktionierte nicht, wie schade, wir hätten auch das noch gerne gehört, zumal uns mittlerweile die Sonne freundlich auf den Pelz brannte.


Tunnel auf dem Vennbahnradweg

Vom Bahnhof Sourbroth, dem ehemaligen belgischen Grenzbahnhof geht es mit spürbarem Gefälle hinab nach Kalterherberg auf der deutschen Seite. Der Radweg verläuft neben der noch erhaltenen Bahntrasse, auf der man Draisinenfahrer begegnen kann. Hier, entlang der Rur (nicht zu verwechseln mit der Ruhr) findet man wieder typische Hochmoorlandschaft und auch eines der größten Refugien für wilde Narzissen in Europa. Leider waren diese schon fast verblüht, aber man konnte die vergangene Pracht noch erahnen.

Vennlandschaft zwischen Sourbroth und Kalterherberg


Wir lieben es international in der Eifel. Die Bedienung in dem, in einem alten Bahnwagon eingerichteten, kleinen Café entschuldigte sich, leider nur französich zu sprechen, während ich in einer niederlänschen Speisekarte blätterte um dann Brüsseler Waffeln mit heißen Kirchen und Italienischen Capuccino für alle zu bestellen - ein Glück, man kann mit Euro zahlen und Grenzkontrollen gibt es schon lange nicht mehr. Vom Viadukt am Kloster Reichenstein steigt die ehemalige Bahnstrecke kontinuierlich bis zum höchsten Punkt unserer Radreise am Bahnhof Lammersdorf an. 555 Höhenmeter bescheinigt mein GPS Gerät. Im Grenzort Roetgen verlassen wir die Trasse kurz bevor sie wieder nach Belgien führt. Vorbei am Fuß der Mauer der mehr als 100 Jahre alten Dreilägerbachtalsperre, die weite Teile von Aachen mit Trinkwasser versorgt, ging es zurück nach Hause. Knapp 125 km zeigte der Fahrradcomputer. Vater war trotz aller Widernisse ganz guter dDinge und am Wohnzimmerfenster freute sich schon hüpfend der Pinscher.

Draisinen im Gegenverkehr