Sonntag, 2. September 2018

Else



Seit geraumer Zeit habe ich die Stadt satt, richtig satt! St. Georg ist nicht mehr der Stadtteil in den ich vor 16 Jahren gezogen bin. Aus meiner beschaulich schönen, ruhigen Ecke ist eine Touristenmeile geworden, es läßt sich kein Ruhepol mehr finden. Großbaustellen rundherum seit mehr als einer halben Dekade setzen dem eine unangenehme Krone auf und die nahezu allwöchentlichen Großevents in der City, von den Harleydays, über Triathlon bis zum Alstervergnügen poltertern allesamt geradezu an unserer Haustür vorüber und öden mich bestenfalls an. Vorbei die Zeiten, wo man spätabens in Puschen eine ruhige Runde mit dem Hund um den Block drehen konnte - schlimmstenfalls fällt jemand vor dir aus einem Reisebus und kotzt dir vor die Füße. Alles zu laut, von allem viel zu viel.


Wie ertragen die Anderen das nur? Bei der Betrachtung des Status Quo fiel mir alsbald auf, dass ganz viele Nachbarn einen Ruhepol außerhalb des städtischen Treibens haben. Vom Ferienhaus in Südfrankreich über Zweitwohnsitze irgendwo bis zum Schrebergarten ist alles dabei. Die müssen das gar nicht immer aushalten, die sind dann einfach mal weg und der G 20 Gipfel geht ihnen am A.... vorbei. 


Außerdem, die meisten Menschen sind eher die "Drinnen-Typen". Mich macht nichts glücklicher, als draußen umher zu streunen und das macht, wie schon gesagt, überhaupt keinen Spaß mehr. So gährte, manchmal kochte, es seit zwei oder drei Jahren in mir, lange Zeit, ohne einer Lösung auch nur ansatzweise näher zu kommen. Tiny Houses sind meine großen Favoriten. Da hängt jedoch eine Menge dran. Schlank sollte die Lösung sein, schlank und sehr günstig, schließlich habe ich eigentlich überhaupt kein Geld. 


Wohnwagen und Campingplatz kamen mir zunächts überhaupt nicht in den Sinn. Das hatte etwas unmöglich altbacken piefiges. Dann bekam ich diesen Tipp mit dem Campingplatz in der Ostheide. Einfach mal hinfahren und zelten, dann sieht man ja wie es so ist da. Ich war definitiv angetan. Ohne Auto musste man hin kommen können, es sollte keine Weltreise sein bis dort. Ruhig sollte es sein, günstig....lange Rede, kurzer Sinn, ich kam an und fühlte mich angekommen. Der Test auf zwei anderen Campingplätzen bestätigten das Bauchgefühl. Da fehlte jetzt nur noch ein günstiger Wohnwagen.


Wie kann man nur so viel Glück haben? Auf einer Radtour stand "Else" unerwartet am Straßenrand. Noch eine Nacht darüber geschlafen und dann per Handschlag gekauft. Der Vorbesitzer ließ sich sogar dazu überreden, sie mir für kleines Geld auf den Campingplatz zu schleppen. Else ist 27 Jahre alt und noch ganz rüstig. Ein Wochenend lang habe ich geschraubt, geputz, repariert und erst mal geschaut, wie alles so funktioniert. Nun bin ich fast fertig und kann dazu übergehen die Umgebung zu erkunden oder einfach nichts zu tun. Wie schön!


Am Ende war ich etwas erschrocken, wie schnell das alles passiert ist. Ist es auch wirklich das richtige? Wir werden sehen, ist ja nur ein Wohnwagen. Lotte, das kleine haarige Monster, ist  jedenfalls sehr gut angekommen. Ganz schnell hat sie verstanden, was man auf dem Campingplatz darf und was nicht - und schwups war sie everybodys darling...




Montag, 20. August 2018

Mitternachtssonne




Norwegen ist das schönste Land der Welt - Punkt! Ja -  so einfach ist das, und wer es nicht glaubt kann hinfahren und sich überzeugen. Haben wir gemacht, vor fünf Jahren und ziemlich genau so lange währte die Sehnsucht nach der Mitternachtssonne, nach Weite, nach wunderbarem Nichts. Es müssen nicht einmal die spektakulären Ecken und Enden diese Landes sein, wie sich herausgestellt hat, jedoch muss ich gestehen, das Norwegen auch für eine Sehnsucht steht, die sich nie befriedigen lassen wird.


Natürlich waren da wieder die Frage: "Wollen wir uns das wirklich antun?" Kälte? Nässe? Viele Tausend Kilometer anstrengende Autofahrt? Preise die den Atem stocken lassen? Es hat schon eine Weile gedauert, aber dann war es auch ein klares "Ja!" Ja wir machen das. Die norwegische Krone ist derzeit im Keller. Einkaufen am Polarkreis ist also nicht mehr mit Schnappatmung verbunden. Und dann dieser Sommer, der Sommer 2018, war auch auf den Lofoten eine Pracht. Bei Tagestemperaturen zwischen 12 und 17°C riss sich manch Eingeborener die Klamotten vom Leibe um in der Sonne zu wandeln und der als ständiger Begleiter bekannte Wind war in diesem Jahr nicht der Rede wert. Regen? Ja, eineinhalb Mal in gut drei Wochen. Zum ersten Mal, als wir Narvik besichtigen wollten, das Ansinnen endete zunächst auf der unteren Stufe der Autotür und wurde dann gänzlich verworfen und ein halbes Mal gegen Ende des Urlaubes in Schweden. Da wäre das furchtbar eingestaubte Wohnmobil bei nächtlichem getröpfele fast wieder sauber geworden. 


Der Vogelflugline folgend, durch Dänemark nach Schweden (die Fähren waren leider doppelt so teuer wie in unserer Erinnerung) arbeiteten wir uns längs der großen Seen über den Inladsvägen, der längsten Straße des Landes hinauf bis Kiruna. Kiruna, das klingt so schön. Kiruna hat den Brettercharme, den fast alle Städte und Dörfer des hohen Nordens haben. Dennoch ist Kiruna besonders, unterhöhlt vom jahrzehntelangen Erzabbau droht der Einsturz der gesamten Stadt und um dies zu vermeiden soll diese Stadt abgebaut und an anderer Stelle wieder errichtet werden. Ich kenne solche Dinge aus dem rheinischen Braunkohlerevier, aber an eine die Ausmaße sind dort bescheidener. 


Schwere Erzzüge, gezogen von je drei der stärksten Elekrtoloks die Mensch gebaut hat, polterten im regelmäßigen Abstand hinter uns vorbei über die Berge in den stets eisfreien Hafen nach Narvik während im Norden die Sonne über einem langgestreckten See erstmalig nicht unter ging. Welch schöner Einstand. 


Bis zu den Lofoten war es nun nicht mehr weit. Die Inselgruppe, mit ihren, von der letzten Eiszeit nicht abgeschliffenen spitzen, Zinnen, hatte es uns auf unserer letzten Reise in den hohen Norden schon angetan und nun wollten wir mehr Zeit hier verbringen. Recht bald wurde uns jedoch klar, hier ist nichts mehr so wie es war. Auf den Straßen fuhren Wohnmobile in Kolonnen, ruhige Plätzchen waren kaum zu finden, ja man konnte gar beobachten, wer welchen Reiseführer besitzt. An einem Strand, an dem wir vor einem halben Jahrzehnt noch mit Joschi alleine spazieren gingen herrschte fast schon drangvolle Enge. Während viele Festlandseuropäer offenbar die weite Anreise scheuten, wurde die Inselgruppe von Skandinaviern, überwiegend Schweden, geradezu geflutet. 


Wie schade! Wir hatten doch Einsamkeit gesucht. Frühzeitig erreichten wir schon das Städtchen Å am Ende der Europastraße 10, ganz im Süden der Lofoteninseln. Hier, wo es nicht mehr weiter ging, wurde es dann richtig eng und an einspurigen Straßenabschnitten und Brücken staute sich der Verkehr zurück. Die Stimmung war am Boden. Wieder war kein den Ansprüchen genügender Übernachtungsplatz gefunden. Der Entschluss stand: nichts wie weg hier. 


Senya, gut 200 km nördlich, kennt keine Sau, ist aber genau so schön. Mit einer kleinen Fähre verließen wir die Lofoten und unsere Rechnung ging tatsächlich auf. Feinste Plätze für das Übernachten, schöne Wanderungen und Elche die in Vorgärten sonntags morgens Blumen fressen. Waren auf den Lofoten noch 8 von 10 Autos Wohnmobile so waren auf Senya kaum noch Mobilcamper unterwegs. Nur an ausgewiesenen Hotspots gab es ein paar mehr. So verlebten wir noch ein sonnig, zufriedene Tage ganz  weit oben in Norwegen. 


Die Stadt Tromso wusste mit ihrer Architektur, und dem, bei für norwegische Verhältnisse ausgewiesenen Affenhitze, nahezu mediterranen Straßenleben zu überraschen. Eine letzte Nacht noch verbrachten wir an einem Fjord mit phantastischer Aussicht und Mitternachtssonne, bevor wir uns über die Gebirgskette hinüber nach Finnland verabschiedeten. 


Das mitgenommene Fahrrad war die gesamte Zeit nicht zum Einsatz gekommen. Bergiges Terrain, unbeleuchtete Tunnel, unsichere Wetterlage, Verkehrsdichte und schlichtweg zu wenig Zeit waren die Gründe. Nun aber musste es sein. Einmal den norwegisch-finnischen Grenzstein umrunden und auf der E8 Richtung Südwesten gleiten. Endlose geraden, zunächst noch hügelig später lappländisch flach. In nur 5 Stunden war ich 125 km dahin gebrettert und überfuhr die Grenze nach Schweden in Karesuando. Welch ein Ritt! Genau das Maß an Bewegung, das ich jetzt brauchte. 


Lappland wurde seinem Ruf mehr als gerecht. Die Mücken prasselten wie Regentropfen gegen das Wohnmobil und schon bald war das Weiß von Blut und Geflügel überzogen, An Aussteigen war gar nicht zu denken, nicht mal zum Pipi machen. Eine Nacht noch wollten wir in Finnland bleiben um dann am nächsten Tag dem Grenzfluss Richtung Bottnischen Meerbusen zu folgen. Schon kurz nach Mittag fanden wir ein bezauberndes Plätzchen am  Kätkäsuvantu. Am Fluss war ein liebevoller Rastplatz hergerichtet, mit Schlafmöglichkeit, Grill, Toilette und allem was Mensch in der Wildnis so brauchen könnte. Ein Platz von Menschen für Menschen, ganz umsonst und an diesem Sonntagnachmittag ganz für uns alleine. Das kühle Wasser an der nackten Haut vorbei fließen lassen, in der Sonne trocknen, ein Kaffee, das Grillfeuer entfachen und mitgebrachten Fisch grillen. Welch ein schöner Nachmittag. Wir mochten uns kaum trennen, mussten aber noch ein paar Kilometer auf dem begonnenen Nachhauseweg zurück legen, um am Ende nicht in Bedrängnis zu geraten. 


Die Autobahn entlang der Ostsee war im Vergleich die eindeutig schlechtere Wahl. Meist war die See nicht zu sehen und der Verkehr war relativ grässlich. Auch gab es nie Kaffee und Zimtschnecken, jedoch fanden wir einen herrlichen kleinen Campingplatz am Strand und als ich so da saß und beim Frühstück hinaus schaute auf das blaue Meer, dachte ich bei mir: Jetzt könnte der Urlaub anfangen. Leider konnten wir uns nicht einmal eine weitere Nacht hier gönnen - waren wir doch am übernächsten Abend in Karlstadt am Vänern zum Abendessen verabredet. 35 Jahre nicht gesehen und doch wieder erkannt. Der Abend war nett, das Essen toll und Lotte hatte sich, wenn auch mühevoll, mit der Siamkatze des Hauses angefreundet. 


Die letzte Nacht verbrachten wir auf Lolland. Die Jagd nach einem wundervollen Stellplatz ging diese Mal zu unseren Gunsten aus. Sonne, Meer, Schwäne, Zimtschnecken....alles auf Tuchfühlung. Auch hier hätte wir noch verweilen wollen. Beim Frühstück gesellte sich ein freundlicher älterer Herr zu uns. Wie wir den Platz denn gefunden hätten? Aha, die App, soso....Ingineur sei er gewesen, Schiffsbauer, dreißig Jahre wohne er schon hier, er habe sich dieses schöne ruhige Plätzchen ausgesucht zum Leben, aber nun kämen immer die Wohnmobile hier vorbei. In der Stadt würden wir wohnen, mittendrin, und im Urlaub würden wir uns nach einem schönen ruhigen Plätzchen sehnen. Der freundliche Herr lächelte und zog weiter. 


Es ist ein bisschen tragisch - was wir suchen zerstören wir selbst, wenn wir es suchen und man kann kaum etwas dagegen tun. 




Montag, 6. August 2018

Zelten


Als ich zum ersten Mal zeltete, da waren Zelte noch aus Baumwolle, waren furchtbar teuer und ebenso schlecht. Wenn es regnete wurden man nass und wenn es stürmte dann kippte das Zelt meistens um und nachts hatten wir Angst. Es eignete sich jedoch vorzüglich, darin verborgen vor den Augen der Erwachsenen, zu rauchen. Bis wir schließlich erwischt wurde. Der eine bekam den Arsch voll, der Andere Kerker und Stubenarrest bis theoretisch heute zu und ich nur ordentlich Schimpfe. Später dann, die Zelte waren immer noch mangelbehaftet, die Luftmatratzen und die Gaskocher sowieso, wurde alles in den VW Käfer geladen und nach Holland zur See gefahren. Am liebsten dort hin, wo man schon mal war, weil da kannte man sich aus. War alles immer noch doof, aber es fehlte am Geld und so zogen wir Sommer für Sommer mit viel zu viel Gepäck und ohne echten Plan los. 30 Jahre ist das jetzt her, und Zelten war keine Option - echt nicht!


Nun ja - auch heute wird das Geld wieder knapper. Für eine taugliche Unterkunft muss man als Alleinreisender nicht selten 80,00 und mehr Euro auf den Tisch legen (Schließlich wollen AirB&B, booking.com und andere Aasgeier auch leben). Und ich bin nun mal liebend gerne unterwegs. Was gibt es da für Alternativen? Auf meiner gerade vergangenen Skandinavien Reise (Bericht folgt) hatte ich Inspiration satt. Die Menschen Reisen, einfach aber gut und mit unserem Wohnmobil empfand ich mich oftmals schon als oversized. Wenigstens noch einmal versuchen könnte ich das mit dem Zelten. Auch wenn ich nur zwei Mal damit losziehen würde, dann wäre der Anschaffungspreis wieder drin.


Unglaublich, was man da heute schon für ganz ganz wenig Geld bekommt. Ein Zelt das nicht nur klein und leicht ist, sondern sich auch blitzschnell alleine aufbauen lässt, bei trockenem Wetter einen Blick auf den Sternenhimmel zulässt und bei Regen dicht hält. Eine ISOmatte die verdammt bequem ist, mein mehr als 10 Jahre alter Schlafsack ging noch und als Schmankerl ein aufblasbares Kopfkissen, das keine 100 g wiegt. Für nicht einmal 100,00 Euro startklar: Wahnsinn!
In der Kunst der Reduktion geübt, gab es jedoch jetzt neue Herausforderungen. Campingmaterial, Hund und der Rest auf dem Fahrrad, das ist eine harte Nummer. Auch ohne irrendetwas mitzunehmen kamen da schon 15 Kilo zusammen. Dem schönen Wetter sei Dank wurd es dann aber auch kaum noch mehr.


Verbranntes Land allüberall. Der Megasommer hat vom Rasen nicht viel übrig gelassen und auch die Bäume sehen nicht mehr ganz gut aus. Damit der Hund dem allgemeinen Elend nicht folgen würde, wurde sie an der Elbe erst einmal zwangsgetunkt (Wasser ist nicht so ihr Element). Das Ziel war ein kleiner Campingplatz in der Ostheide, der mir schon bei der Internetsuche aufgefallen und dann auch noch von Bekannten empfohlen wurde. Bis dahin jedoch britzelte die Sonne gnadenlos und mein Cocpitthermometer zeigte ab und an über 40° C an. Normalerweise rechne ich mit 2l Wasser auf 100 km, heute lag meine Verdunstung bei 4l auf 75 km und ich musste zwischendurch in einem Supermarkt auftanken. Alles in Allem, war die Anreise also recht beschwerlich. Eingeschmiert mit Sonnenschutzfaktor 50+ (ich hasse das Gefühl auf der Haut) wähnte ich mich sicher. Soweit stimmte das auch, nur dort wo ich Kleidung trug und kein SF 50+ hin gekommen war hatte ich am Abend einen fetten Sonnenbrand. 


Ankunft im Paradies. Der Campingplatz übertraf meine Erwartungen um Längen. Ruhig gelegen und trotzdem mitten im Dorf, sehr sauber, kleiner Laden, kleines vegetarisches Café, alles freundlich, alles nett - erst mal Kuchen und dann gemütlich bei einem weiteren Kaffee auf Frauchen warten, die hatte spontan angekündigt mit ihrer roten Vespa hinterher zu kommen. Also noch einen Kaffee und dann Zelt aufbauen. 



Lotte lieb es. Ganz entgegen ihrer Art wird sie gar ungehalten, wenn das Zelt aus der Verpackung genommen wird und lange bevor es richtig aufgebaut ist, sitzt sie schon drin. Das es dann in einem 1-Personen Zelt mit zwei Personen und Hund recht eng zugeht stört sie überhaupt nicht. Ich fand jedoch, ein Bad sei in absehbarer Zeit von Nöten, das Tier stank. 


Abendessen im Café, Gebackener Schafskäse an Gemüse, dazu selbst gebackenes frisches Brot. Auf welchem Campingplatz bekommt man den so etwas? Noch einen Spaziergang durchs Dorf, einen Blick über den Teich und dann in den Schlafsack - oder besser daran, es war einfach viel zu warm. Das Überzelt nur halb geschlossen ließ einen ungetrübten Blick auf den Sternenhimmel und die Milchstraße frei. Wie herrlich ruhig es doch hier war. Am Morgen mussten wir jedoch feststellen, dass der Schlaf nicht gar so erholsam war und man sich wohl noch daran gewöhnen muss. Außerdem wäre ein zweites Zelt sicher nicht verkehrt gewesen. Im Lädchen gab es schon Kaffee und nach einer ausgedehnten morgentlichen Gedenkminute war das Zelt schnell abgebaut.


Vegetarisches Frühstück - so gut, ich habe nicht einmal meine geliebte Morgensalami vermisst. Da kam dann glich auch die Idee auf, sich an diesem Plätzchen längerfristig niederzulassen. Ich suche ja schon seit längerem ein Refugium außerhalb der Stadt und dies hier schien mir, nach gründlichen Abwägungen, sehr geeignet. Ein Gespräch mit der Besitzerin war durchaus hoffnungsvoll und nun schaue ich mal, wie sich die Dinge entwickeln. 


Trotz wolkigem Himmel und deutlich gefallenen Temperaturen gestaltete sich die Rückfahrt nicht weniger anstrengend. Der Wind blies permanent kräftig von vorne und das Gepäck war nicht leichter geworden. Lotte hatte es gut, sie musste das nur aussitzen in ihrem Körbchen. 
Und nächstes Wochenende? Zelten!

Sonntag, 24. Juni 2018

Wilde Bille - kurz vor Norwegen


Das Wetter lud nicht zum Fahrradfahren ein, aber Temperatur und übriges Wettergebaren erschienen mir durchaus passend, neu erworbenes Equipment für den bald folgenden Urlaub, jenseits des Polarkreises, einem letzten Test zu unterziehen.



Knapp zweistellige Temperaturen und mal mehr, mal weniger Regen könnten den Wetterbedingungen auf den Lofoten durchaus entsprechen, auch wenn man sich etwas anderes wünschen würde. Um den Aufwand gering zu halten bot sich der Sachsenwald und das Billetal als passendes Wanderrevier an.


Als wir das letze Mal hier waren gab es eine Menge Neuschnee. Heute zauberte der verhangene Himmel sattes Grün in das wilde Billetal. Lotte sprintete sofort los. Toll einen Hund zu haben, auf den man (fast) nicht achten muss. Sie ist einfach Cool und macht das schon. Fast reicht es aus, das Tipsen und das Rascheln im Laub im Ohr zu haben, etwas anstellen wird sie wohl nie. Lediglich größere Mengen Waldboden sammelt sie in ihrem Fell und ab und an muss sie auch von mitgeschleppten Ästchen und Kletten befreit werden. 

Recht bald zog eine kräftige Regenschauer vorüber. Die Regenjacke war dicht, wie übelich in beide Richtungen. Bergauf und bei entsprechender Hitze wird man also trotzdem nass. Erwartet hatte ich nichts anders. Die neue Hose ist leicht und elastisch, dabei dünn genug um sehr schnell wieder zu trocknen. Schuhe! Das leidige Thema. Schuhe müssen fest und wasserdicht und trittsicher und hoch und und und vor allem schweineteuer und vom Fachberater explizit empfohlen sein. Alles schon gehabt, die letzten, fast 250,- € teure Modelle, habe ich vor eine Obdachlosenheim in Ulan Ude abgestellt und danach noch mehrmals allen erdenklichen Fußärger mit diversen Exemplaren gehabt.

Stellt sich die Frage: Was brauchen meine Füße wirklich? Auf Converse Stofflatschen könnte ich schmerzfrei um die halbe Welt laufen, nur leider sind diese je nach dem nur bedingt geländetauglich. Also so etwas ähnliches muss es sein. Beim Billig-Outdoor-Höker Decathlon wurde ich dieses Mal fündig. Keine Blasen, keine Schmerzen, kein Abrieb an alten Wunden und tatsächlich keine nassen Füße, obwohl ich die eine oder andere Pfütze absichtlich mitgenommen hatte. Das macht Hoffnung, die Teile gehen mit. Die neuen Wandersocken dito.




GPS per Smartphone mit vorinstallierte Komoot Karten funktioniert wunderbar auch ohne Netz. Derweil hatte Lotte ausgiebig Spaß und sah mal wieder aus wie eine kleine Wildsau. Egal, Baden wäre heute sowieso fällig gewesen. Der Hundebademantel muss noch getestet werden.


Um Kaffee und Kuchen muss man sich im Sachsenwald selbst kümmern. Ich hatte vorgesorgt. Da es immer noch regnete dedurfte es lediglich eines leidlich trockenen Plätzchens und auch hier wurde ich irgendwann fündig.



Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Nein, kein blöder Spruch, am Ende unserer Tour waren wir sehr vergnügt und zudem gewiss, das wir auch im Polarsommer unsere Freude haben werden.


Nun sitze ich zufrieden am Schreibtisch, nachdem ich auch das technische Equipment auf Funktion und Zuverlässigkeit geprüft habe. Wer drei Tage im spanischen Outback versucht hat einen defelten OTG adapter zu ersetzen wird vorsichtig. Stromversorgung, Kamera, Tablet, GPS Gerät, Verkabelung - alles läuft und funktioniert. Das neue Tablet kommt mit RAW Dateien zurecht, überträgt GPS und Bilddateien recht flink und den Text hier habe ich auch schnell zu Pap.....Bildschirm gebracht. Norwegen wir kommen. 



Montag, 4. Juni 2018

Plan E


"Leben ist das, was passiert, während du fleißig dabei bist, andere Pläne zu schmieden." sagte 
schon John Lennon. So hatte ich auch den diesjährigen ersten kleinen Urlaub ganz anders geplant. Oft denke ich, man schaut besser zu, was so passiert und steigt ein, wenn es passt. Bloß nicht verrückt machen lassen. Zwei Tage mit Lotte alleine wo´s schön ist - das kann ja wohl nicht zu viel verlangt sein. Blöd, wenn es dann nach 5 Wochen erstmalig wieder so richtig schüttet. Die Ausgearbeiteten Pläne A,B,C und D (bei Hitze und strahlendem Sonnenschein) waren durch den noch zu erstellenden Plan E (bei Regen) zu ersetzen - kann vorkommen.




Statt das vorgebuchte Gemach von Hamburg, Aumühle, Lüneburg oder Büchen aus anzufahren, gebot der frühmorgendliche, andauernde Landregen eine kürzere Anreise. Hier bot die Wendlandbahn, bei Anreise bis Dannenberg Ost, maximale Abkürzung. Am Ende wurde es dann Plan E (II) mit Elbquerung in Lenzen.


Endlich in Dannenberg angekommen, drehte Lotte erst einmal zwei rasante Runden um das Bahnhofsgebäude, sehr zur Belustigung des Lokführers. Ich erschrak ein wenig, aber viel passieren kann da nicht. Im Wendland ticken die Uhren langsamer und wenn überhaupt jemand kommt, dann später. Trocken! Na wer sagt´s denn. 


Zum ersten mal in meinem Leben war ich in Gorleben. Die Zeichen des Protestes sind allgegenwärtig. Wie schön es hier doch ist, dachte ich bei mir, warum soll gerade hier der gesamte Atommüll der Nation vergraben werden? Am südöstlichsten Zipfel von Niedersachsen galt es einen echten Berg zu erklimmen. Auf knapp 70m Höhe standen einst zwei der gigantischsten Bauwerke der Republik, die Sendemasten Gartow I und II, sie ermöglichten über Jahrzehnte die direkte Funkverbindung über Feindesland nach West Berlin. 


Der Rad! Weg hinab zur Elbe, gekennzeichnet durch ein "Radfahrer Absteigen" Schild, wies neben einem markanten Gefälle weitere Unzulänglichkeiten in Form von umgestürzten Bäumen auf. Bei genauerer Betrachtung der Situation konnte man leicht erkennen, dass der Sturm, der die Eichen dahinraffte definitiv nicht der letzte oder vorletze gewesen sein kann, sondern schon eine ganze Weile her sein musste. Also, Hund raus aus der Tasche (den muss ich nun wirklich nicht über Stock und Stein hieven) und dann mit geschultertem Fahrrad weiter. 


Ein paar Mal klingeln und die Fähre setzte sich ratternd vom anderen Elbufer in Bewegung, um uns in die Prignitz hinüber zu holen. Welch wunderbares Land -  auch hier überwiegt, wie vormals im Wendland, das Nichts und die Stille. Die erste Mahd in den Elbauen war eingefahren, die Wiesen aufgrund der lange anhaltenden Trockenheit verbrannt. Störche stolzierten auf der Suche nach Fröschen und Mäusen. 


Autopilot auf dem Elbdeich, das hier muss man sich einfach alles genau anschauen, sah es doch hier so aus, als würde jemand ganz langsam Seite für Seite die "Landlust" umblättern. Aha, hier also ist der Born der Ideen aller "zurück zur Natur Magazine".


Dömitz, das Ziel unserer heutigen Reise - ja ich ertappte mich gar dabei, verstohlen nach einer etwas dauerhafteren Bleibe dort zu suchen, die kleine Stadt am südwestlichen Zipfel von Mecklenburg, die wundervoll vor sich hin zerfällt, hat es mir angetan. Die sonst bevorzugten Herbergen vor Ort waren ausgebucht, oder lagen oberhalb es knappen Budgets (schließlich wollen wir in vier Wochen nach Norwegen aufbrechen). So buchte ich eine vermeidliche (Google Bewertungen) Gruselherberge, von der auch meine bessere Hälfte, aus Erfahrungen, die 20 Jahre zurück liegen, gar schauriges zu berichten im Stande war. Plan E, alles wird gut, sauberes, kleines, ruhiges Zimmer mit Elbblick, kein W-Lan, kein Mobilfunk, aber heiß Wasser und Strom. Über den Preis hätte man diskutieren wollen, ich beschloss jedoch den inneren und äußeren Frieden zu wahren. 


Alleine mit Hund und Fahrrad ist Einkaufen ein schwieriges Thema. Noch etwas zu knabbern und viel Flüssigkeit sind dem Radler stets genehm. Auch Dömitz hat einen. Einen dieser neuen Aldis, die aussehen wie ein edler Feinkostladen. Plan E - heute klappte alles. Vor dem Eingang stand der (mutmaßlich) einzige Stadtstreicher der Gegend, mir wohl bekannt, von einem meiner vorangegangenen Besuch in der Stadt (da hatte er uns beim sonntagmorgentlichen Frühstück an der Tanke großartig unterhalten). Ich drückte ihm einen Euro und die Leine in die Hand: "Lotte!- Ich komm gleich wieder." Drinnen, im Aldi, wie überall nichts. Zwei Verkäuferinnen spielten offensichtlich "Kaufladen", soll heißen, die Eine kaufte der Anderen etwas ab, sonst war außer mir niemand im Aldi. Ich kam nicht umhin, mich über die Situation lustig zu machen, aber auch die Beiden nahmen es mit Humor: "Dömitz halt! Da geht samstags Abends keiner mehr bei Aldi!"


Nach einem Abstecher zum zerfallenen Bahnhof näherte ich mich dem Höhepunkt des Tages. Auerochsburger und Sanddornbrause im Hafenhotel. So viel Geld muss übrig sein, auch wenn es sonst gerade knapp wird. Auch wenn ich mich gerade wiederhole, im Zentrum des kulturell-kulinarischen Treibens der Stadt nichts los. Zum Glück, wer gibt schon einen freien Tisch am Samstag Abend an eine Einzelperson? So konnte ich ganz in Ruhe göttlich speisen, das hauseigene freie W-Lan benutzen und entspannt auf das Nichts im Hafen starren. 


Die Dämmerung war schon vorbei als ich aufbrach. Es regnete. Ich nahm den Weg über den Deich hinaus an die Eldemündung, Lotte sprintete vor und zurück. Über die Elbe kamen Fetzen von Musik. Schützenfest? Um Halbdunkel waren die Pfeiler der ehemaligen Bahnbrücke noch zu sehen. Mehr als 70 Jahre stehen sie nun schon ungenutzt in der Elbe, länger als sie je genutzt wurden. Quakende Frösche, Sprühregen im Gesicht, bis zur neuen Autobrücke sind es nur zwei Kilometer, oder drei. Es regnet. Tiefschlaf, Lotte auch, gegen 6 Uhr lag sie noch genau so auf der Decke vor dem Bett, wie sie am Abend eingeschlafen war. Die Elbe verschwand im Grau. Frische Luft satt, ich verschob das Frühstück um eine Stunde und schlief noch mal ein. Es regnete. 


Das Frühstück war überschaubar. Mir gegenüber saß ein Schweizer, wir redeten über dies und das. Die Schweiz ist eine Genossenschaft - erstaunlich, sie heißt ja so, aber klar wurde mir das erst im Gespräch. Es schadet nie, mit Ausländern ins Gespräch zu kommen. Gezahlt, gepackt, eine Gassirunde mit Lotte, es regnete nicht mehr - ich liebäugelte mit Plan A, geradewegs nach Hamburg zurück radeln. Im Laufe des Tages haderte ich dann noch ein wenig mit der Entscheidung. Permanenter Gegenwind kann einem als Radfahrer ganz schön die Laune verderben. Da heißt es dann einfach Zähne zusammen beißen und weiter. 


In Bleckede überquerte ich mit der Fähre die Elbe, zwischen Boizenburg und Geesthacht nutzt der kluge Radler gerne die linke Elbseite. In Radegast wurden wir zu Gast im Gasthof. Lotte am Nachbartisch (ich war leider nicht schnell sortiert genug, sie davon abzuhalten) und ich bei der Wirtin, die wie schon beim letzten Mal gegen hier nicht vorhandene Ausländer wetterte und mir tiefgefrorenen Apfelkuchen als selbstgebacken und frisch verkaufte. Ich schmunzelte und beschloss mich keinesfalls aufzuregen, schließlich benötigte ich meine Kräfte noch für die weiteren 70 Kilometer. Manche Dinge ändert man einfach nicht.


Nach über 90 km Deich und Schafen fiel im auf der Brücke an der Schleuse in Geesthacht auf, was ich überhaupt nicht vermisst hatte. Autoabgase und Motorradlärm. So ein Sonntag kann ganz wundervoll sein ohne. Ich war erstaunt, dass ich das gar nicht gemerkt hatte und beschloss gleich hinter der Stadtgrenze dem Trubel erneut zu entrinnen und den bewährten Marschbahndamm für die letzten Kilometer zu nutzen. Am Ende gab sich gar die Sonne noch ein Stelldichein. Zu Hause gab´s Kaffee, eine Begüßungspraline, eine Wanne mit heißem Wasser, dann die ersten Schmorgurken des Jahres an Tatort und für Lotte ein besonders leckeres Leckerli. Schön wenn man so empfangen wird, dann kommt man gerne immer wieder nach Hause.