Montag, 21. Januar 2019

Wintercampen


Ein knappes halbes Jahr habe ich nun schon "Else", mein Wohnwagen in der Ostheide. Der nicht enden wollende Sommer endete dann erstaunlicherweise doch und es folgte ein sommerlicher Herbst mit Temperaturen bis an die 30°C und weiterhin anhaltender Trockenheit - mit anderen Worten, außer dem schwindenden Tageslicht und den vor der "Else" nun prächtig sprießenden Pilzen gab es keinen Unterschied.


Mich beschlich  jedoch die Angst, die nun fast 30jährige  "Else" könne eventuell undicht sein. Allen fehlte es an der Möglichkeit das in der Realität auszuprobieren, es regnete ja nie. Irgendwann ab Anfang Dezember, ich hatte gerade meine abendlichen Barfußrunden durch das Dorf eingestellt, kam es dann doch so, wie es kommen musste. Kalt, regen, dunkel - wobei letzteres sich als das unangenehmste herausstellte. Was will man machen, ohne Licht, ohne Internet, ohne.....


Mitte Dezember war ich das letzte Mal in Radenbeck auf dem Campingplatz. Das Hoflädchen fiel in den verdienten Winterschlaf, das wundervolle vegetarische Café hatte seine Öffnungszeit stark reduziert und dann auch eingestellt. Das Wasser auf dem Platz war abgestellt, lediglich die Sanitäranlagen konnten weiter benutzt werden.


Am letzten Wochenende wurde ich dann doch etwas nervös. Wie mag´s wohl aussehen in der Heide. Das Wetter sollte trocken und kalt werden, es bot sich geradezu an, einmal nach dem Rechten zu schauen. Mit der Wendlandbahn fuhr ich bis Wendisch Evern und stratzte sodann mit Lotte Richtung Osten über den Elbe-Seiten-Kanal und weiter durch die hartgefrorenen Felder und Wälder der Ostheide. Bei Einbruch der Dunkelheit kamen wir, wie geplant, nach 13 km Fußmarsch, an. Im Gepäck, nicht ganz leicht, ein paar nachträgliche Weihnachtsgeschenke für "Else", Lebensmittel für zwei Tage, Wechselklamotten und den üblichen Kleinkram. 


Niemand da! Ich war alleine auf dem Campingplatz. Die Mufflos von der Koppel im Wald waren etwas näher zum Dorf gezogen - man sagt, der Wolf hole sich ab und an einen Leckerbissen auf besagter Koppel. Gasflasche auf (ein alter Freund wünschte mir noch passend, allzeit eine Hand breit Gas in der Flasche, wie gut, denn ich habe gerade nur eine), Strom ans Netzt, Tür.....zugefroren. Im Mausebachthal ist es immer einen Ticken feuchter und kühler als in der Umgebung. Ein beherzter Ruck, die Dichtung war nicht kleben geblieben. Licht an, ups - immerhin funktioniert die halbe Beleuchtung, Gastherme.....achja - mit der Taschenlampe schaute ich nach dem Zünder und schwupp, wohliges Geräusch gefolgt von eben solcher Wärme.


Schade, dass das Heizgebläse zu dem Stromkreis zählte, der sich zierte. Klamm war es, nicht nass, super, nach dem (Dauer)Regen der letzten Woche. Alle das Schaffell, das auf der Sitzbank über dem Spannungswandler lag war auf der Lederseite patschnass. Seltsam, sehr seltsam. Nachdem ich drei mal alle Sicherungen geprüft und mindestens doppelt so oft über die professionelle Verkabelung des Vorbesitzers (es liegt möglicherweise daran, dass der Mann Dachdecker war) den Kopf geschüttelt hatte, gab ich auf. Für das Wochenende würde ich mich mit dem 200 V Anschluss begnügen und auf etwas Luxus verzichten müssen. Apropos Luxus, erst mal einen Kanister Wasser holen. Später sollte ich dann feststellen, dass Wasser im Abfluss spontan gefriert und noch später gelang es mir tatsächlich den Stromfehler durch ein gelangweiltes herumschalten an der Lampe über dem Herd zu beheben. Das Leben ist seltsam aber schön. 


Tortellini mit Pilzsauce und ein Rest Mineralwasser gab es zum Abend. Nach nur 3 Stunden war ich bei kuscheligen 20° C. Ein Achtungserfolg, schließlich ist "Else" nicht isoliert und eigentlich auch nicht wintercampingtauglich. Nicht verschweigen möchte ich allerdings, dass ich mit 2000 W Elektroheizung nachhelfen musste. Derweil zeigte das wieder instand gesetzte Außenthermometer -6°C an. Spülen, heiß duschen, büschen Barfuß, nur ein paar Meter, die Energieverschwendung reduzieren und mit einem Buch unter zwei kuschelige Decken verschwinde. Lotte am Fußende oben drauf. So lag sie dann satte 9 Stunden, leise schnorchelnd und ohne sich einen Millimeter zu bewegen. 


Der Blick aus dem Fenster am Morgen weitete meine Pupillen -  Wow! In der windstillen, kalten Nacht waren Eiskristalle von Rekordgröße gewachsen. Nach einem heißen Kaffee hielt mich nichts mehr. Ich stapfte durch das kleine Naturschutzgebiet hinter dem Platz um ein schönes Foto von "Else" (ganz oben) zu schießen und, naja, vergaß den kleine Bach der da....und das Eis war auch noch nicht so dick, lange Rede kurzer Sinn, ein weiterer Kaffee war nötig und ich hatte die Muße meine Wanderschuhe trocken zu föhnen.


Jetzt aber! Frühstücken kann man ja immer noch. Oh wie wunderbar, oh wie schön! Alles strahlte weiß und die Rehlein waren auch noch da. Ich konnte mich kaum satt sehen an der Pracht. Den angepeilten Zug nach Hamburg würde ich wohl verpassen. Da kam das Angebot der netten Nachbarn, die ein Wochenendhaus in der Nähe haben, mich auf dem Rückweg einzusammeln, wie ein Geschenk. Ein paar überflüssige Polster, die ich immer nur planlos hin und her räume, könnten wir auch noch mit nach Hamburg nehmen. 


Mittag war längst vorbei, als ich bei Kaffee und Müsli gemütlich die Bilder des Vormittags auf dem Tablett betrachtete und dann war das Wochenende auch schon vorbei. Auch Lotte hatte es sichtlich Freude gemacht. Sie ist (ganz anders als Joschi) ein echter Winterhund, Eis und Schnee machen ihr Freude und sie blüht sichtbar auf, wenn es raus auf´s Land geht. Im Auto kam mir jedoch gleich der Gedanke an das nächste Wochenende, je nach Wetterlage könnte man doch.... überlegen.... vielleicht.....







Freitag, 16. November 2018

Zwei Freunde, vier Tage, sechs Länder, Gott und die Welt


Ich nenne es jetzt schon Tradition, mit meinem alten Jugendfreund zwei Mal im Jahr, zur Unzeit, wenn die meisten Fahrräder Winterschlaf halten, auf eine kleine Fahrradreise zu gehen. In den Oster- und Herbstferien treffen wir uns und radeln los. Der Erlebnisfaktor war dabei stets erheblich. Vom Orkan bis zum Schneesturm  und dem Ausfall reiserelevanten Gerätes war alles dabei und es gab immer nette Anekdoten am Rande, Salz in der Radreisesuppe sozusagen. 



Auch in diesem Jahr hatte ich mir wieder etwas feines ausgedacht. In Hamburg vor der Haustür starten, und durch Niedersachsen in die Lüneburger Heide zu meiner Else. Das spart die Übernachtungskosten und ein teures Abendessen, so dachte ich, und einen Biervorrat hatte ich auch schon angelegt. Am nächsten Tag sollte es dann weiter durch die Ostheide, das Wendland streifend zum Arendsee ins nordliche Sachsen-Anhalt gehen. Der dritte Tag führte uns zurück zur Elbe, die wir in Schnackenburg überquerten und weiter durch die Prignitz, dem nordwestlichen Zipfel von Brandenburg, zum Vielanker Brauhaus in Mecklenburg-Vorpommern. Unsere letzte Etappe sollte dann entlang der Elbe durch das südwestliche Schleswig-Holstein wieder nach Hamburg zurück gehen. Dazu kam es leider nicht, mehr dazu am Ende. 


Der Start war furios. Schönes Wetter, noch angenehme Temperaturen und leichter Rückenwind. Die vier Stunden bis in die Ostheide flutschten wunderbar. Erst mal einen Kaffee, dann zu Kalorien und Bier. Wäre schön gewesen, doch mein Freund schwächelte. Gegen 20.00 Uhr raffte es ihn dahin. Voll bekleidet, die Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen dem aufkommenden Schüttelfrost entgegen arbeitend schlief er 12 Stunden durch. Ich lag noch eine Weile wach und brütete über potentielle Alternativprogramme.


Unnötig, wie sich am nächsten Morgen zeigte. Der Eifelmensch ist hart und herzlich, das Frühstück schmeckte und nach flinkem zusammenräume konnten wir, wenn auch mit etwas gedrosselter Drehzahl, wieder durchstarten. Dahlenburg ließen wir links liegen, die Göhrde auch, nicht jedoch, ohne uns dabei ausdauernd und gleichmäßig beregnen zu lassen. Nach Stunden ist dann auch die tollste Regenbekleidung durch. Bäcker? Kaffee? Fehlanzeige! Wir durchquerten gerade das am dünnsten besiedelte Gebiet Deutschlands, wer sollte da schon Kuchen essen? Clenze hieß das kleine Städchen, wo es im Eingangsbereich eines Supermarktes endlich heißen Kaffee gab und wir uns aufwärmen konnten. Noch eine gute Stunde entlang des Lüchower Landgrabens und wir erreichten unser Ziel am Arendsee.


Ich traute meinen Augen kaum, hatte ich doch eine Herberge mit angeschlossener Futterstelle explizit gesucht. "Restaurant diese Woche geschlossen -  Übernachtungsgäste wählen bitte die Nummer blablablau" und es triefte aus den Ärmel und lief den Rücken herunter, während es langsam dunkel wurde. Nach meinem Telefonat empfing uns eine mittelalte Dame in Kittelschürze. Die Zimmer waren wunderbar, allein an leiblichem Wohl würde es uns mangeln. Ja das sei ein Problem und "der andere Gasthof" habe auch zu, obwohl sie doch versprochen hätten in dieser Woche geöffnet zu haben, erklärte uns die Frau mit hörbarem Berliner Slang. Schnittchen könne sie uns machen, das gehe ja nun wirklich nicht, dass wir hungern müssen, aaaber keinesfalls dürfen wir es dem Chef berichten. Also Chef - hier gibt´s nichts zu lesen. Die Schnittchen waren mehr als großzügig bemessen, da hätte ich auch Lotte noch mit durchfüttern können. So saßen wir also gemütlich und mümmelten unser Abendbrot während, leider nicht der Kamin prasselte, sondern Wind um die Ecken pfiff und die nasse Kleidung auf der Heizung trocknete.


Frühstück wunderbar! Wir hatten ja am Abend schon eine Kostprobe. Nach herzlichem Dankeschön und einem angemessenen Trinkgeld machten wir uns wieder auf den Weg. Zunächst zu Fuß zum See. Man möchte ja wenigstens mal einen Blick drauf werfen, wenn man schon Mal da ist. Der Regen hatte aufgehört, die Straße war vom Wind getrocknet und es fuhr sich herrlich auf den leeren Landstraßen in Sachsen Anhalt. Auch waren wir die Einzigen hier, Autos gibt´s hier kaum und Radfahrer schon mal gar nicht. Wir genossen es. 


Die Landschaft war lieblich, der Wind wurde zunehmend garstig. In der Aaland Niederung blies er schon von schräg vorne. In Schnackenburg gab es auch keine Kaffee, aber immerhin fuhr auf zuwinken die Fähre über die Elbe. Nicht selbstverständlich bei diesem niedrigen Wasserstand. 


Auf der anderen Elbseite traf es uns frontal. Kilometer für Kilometer quälten wir uns mit gefühlter Schrittgeschwindigkeit gegen den frischen Wind. Schnell waren wir uns einig: Ein ganzer Tag Regen von hinten ist nicht so schlimm, wie ein ganzer Tag strammer Wind von vorne, auch bei Sonnenschein. Noch fast 50 km lagen vor uns, als wir uns entschlossen den Elbdeich zu verlassen und in leicht bewaldeten Gebieten, an der Löcknitz, weiter im Norden, Schutz zu suchen. Das klappte leidlich. In Lenzen war uns nach Kaffee und Kalorien. Das traurige Ostdeutschlandbild setzte sich auch hier fort. Selbst Spielhöllen waren hier  in die Pleite gegangen. Fragen hilft! Die junge Dame schickte uns in einen Supermarkt, der zwar auch geschlossen war, aber der Supermarktbäcker im Eingang, der war noch aktiv. Ein wirklich seltsames Bild, muss ich gestehen. 


Diese unsichtbaren Berge, die der Wind auftürmt zehren gewaltig, so sehr, dass wir schon in Dömitz wieder eine Eisdiele ansteuern mussten um neue Kraft zu tanken. Die letzten Kilometer zum Brauhaus nach Vielank waren unangenehm. Schnurgerade Straße, ungewohnt viel Verkehr, das machte keinen Spaß. Gute Laune kam erst wieder am Ziel auf. Stilvolle Zimmer in einer umgebauten Scheune, eine heiße Dusche und die müden Beine hochlegen.


Das kleine gemütliche Brauhaus war voll. Noch am Nachmittag hatte ich mich über die nötige Tischreservierung gewundert, jetzt wusste ich warum. Feine deftige Speisen gab es, dem Vernehmen nach vorzügliches Bier und ich hatte meine geliebte Vielanker Faßbrause. Die Zeit verflog, tief eingetaucht im Gespräch über Gott und die Welt. Das haben wir vor mehr als 30 Jahren schon gemacht, das ist mir immer wieder eine große Freude. Sehr unterschiedliche Lebensentwürfe haben wir, unterschiedliche politische Heimaten und gerade deswegen erlebe ich unsere Gespräche als einen großen Gewinn - bis der Wirt uns sanft hinaus kehrte. 


Frühstück gut! Nach Vielank werde ich gerne wieder fahren. Dieser Tag vereinte das Schlechte aus all den vorangegangenen Tagen. Regen, Gegenwind, viel Verkehr und Kälte, Grund die Tagesetappe kurz und bündig zu halten. Auf dem Bahnsteig in Pritzier tauschten wir die nassen Klamotten mit den müffelden aber trockenen der Vortage, nach dem Motto: lieber übel riechen als übel erkranken. Gerne würde ich jetzt schreiben, die zwei Stunden warten auf den Zug vergingen wie im Flug - taten sie aber nicht. Egal, das Gesamtpaket war erbauend und die Verabredung für die Osterferien steht, es fehlt ja noch das 6. Land.




Donnerstag, 18. Oktober 2018

...wo laufen sie denn?




Nachdem der Mega-Sommer 2018 für Draußenmenschen keinen Anlass zur Trübsal geboten hatte war Mitte Oktober noch einmal ein "echtes" Sommerwochenende mit Tagestemperaturen von mehr als 25°C und strahlend blauem Himmel angekündigt. Und plötzlich war sie da, die Qual der Wahl. Nutze ich das zudem windstille Wetter noch einmal für ausgedehnte Radtouren, oder begebe ich mich, den Rucksack geschultert, auf Schusters Rappen? 


Da noch ein Fahrradurlaub kurz bevor steht, war die Entscheidung schnell gefallen, der Rucksack genau so schnell gepackt und die "Else" als Basislager auserkoren. Im virtuellen Gepäck die GPX Tracks für den Hinweg vom Bahnhof Dahlenburg, eine ausgedehnte Tageswanderung zum Telegrafenberg, zwei Halbtageswanderungen und den Weg von der "Else"  zum Lüneburger Bahnhof. 


Ein wenig schwierig gestaltete sich die Planung, waren doch, so hatten Exkursionen in den letzten Wochen schon erkennen lassen, zu meinem Erstaunen, gefühlt 2/3 aller Pfade und Wege in der Ostheide in keiner Karte verzeichnet. Weder topografisches Kartenmaterial noch die einschlägigen Online Portale gaben brauchbare Auskünfte. Lediglich der dicke Mann mit dem Dackel, den ich am Montag auf meinem Weg nach Lüneburg traf, wusste bescheid: Das sei alles das Militär schuld und überall seien versteckte FLAG-Stellungen, man müsse nur genau hinschauen, dann würde es einem wie Schuppen von den Augen.....und die Bienen würden ja auch sterben und da sei, das habe ich jetzt leider schon wieder vergessen, dran Schuld und das Wetter sei auch.....ich war einem echten freilaufenden Verschwörungstheoretiker in die Arme gelaufen - eine sehr aufschlussreiche Begegnung. 


Doch zurück zu meinem Wanderwochenende, am Freitag Mittag, phasenweise bin ich ja nicht der ganz frühe Vogel, ging es mit der Wendlandbahn nach Dahlenburg. Schon die gemächliche  Fahrt durch die Wälder der Ostheide macht Lust auf Natur. Eine gute Stunde vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt verlässt man den Zug an einem Bahnhof, der zwar ein (ehemals) prächtiges Empfangsgebäude vorweist, zu dem jedoch nicht einmal eine asphaltierte Straße hinführt. Dahlenburg, ein Flecken, oder "Minderstadt" wie Wikipedia weiß, liegt ohnehin drei Kilometer enfernt. Dahlenburg lassen wir auch dieses Mal aus und wandern zunächst über asphaltierte Kreisstraßen, später dann über sandige Waldwege Richtung Nordwesten, Richtung Radenbeck. Wilde Äpfel am Wegesrand kitzeln den Gaumen, noch nie habe ich solch "apfelige" Äpfel gegessen und der Duft von Millionen frisch geernteter Zwiebeln kitzelt betöten die Nase. Das war ein schöner Einstieg in das Wochenende.


"Else" an Strom und Gas anschließen, im "Heidelädchen" noch ein paar Vorräte einkaufen und der Tag war auch schon gelaufen. Einen Happs essen und in die Falle. Lotte räkelte sich genüsslich an meinen Füßen und ich betrachtete durch das Panoramafenster über meinem Bett noch eine Weile die Sterne am tiefschwarzen Himmel. 


Früh begann der Tag, kühl begann der Tag, der zur Hochzeit noch einmal die 30°C Marke kratzte. Frische Brötchen aus dem Heidelädchen, eine Flasche Zuckerhaltiges, ein paar Bonbons und schon bald stapften wir los. Der Telegrafenberg war das Ziel. Nicht, dass ich gewusst hätte, was uns dort erwartet, aber man muss ja irgend ein Ziel haben und Telegrafenberg klang halt spannend. 



Schon viele Jahre, vielleicht auch Jahrzehnte bin ich nicht mehr so eine weite Strecke am Stück gegangen. Ein wenig Respekt hatte ich schon davor und dann noch die Frage, ob Lotte das mit ihren kurzen Beinchen auch hin bekommt. Recht schnell stellte sich heraus, das nicht die kurzen Beinchen zum Problem werden würden, sondern mangelndes Trinkwasser. Wie gesagt, ich hatte nur Energiespendende Zuckerbrühe dabei, nichts für einen Hund und zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass alle Bäche und Tümpel auf dem Weg, dem langen heißen Sommer geschuldet, trocken gefallen waren, kein Tropfen für das Tier weit und breit. Ein Fischteich an der Neetze war unsere Rettung und herrlich zu beobachten, dass man sich wohl keine Sorgen machen muss, ob vorhandenes Wasser vom durstigen Hund auch gefunden würde - lange bevor das Nass in Sichtweite kam hatte die Nase schon Witterung aufgenommen und beschleunigte den Hund merklich. 


Jenseits von Thomasburg ging es steil bergan und es tat sich manch feiner Blick über die einsame Heidelandschaft auf. Sandiger Untergrund machten das Vorankommen beschwerlich und derweil war es auch richtig heiß geworden. Die längere Pause an unserem Ziel war bitter nötig. Schuhe aus, Füße lüften, Stulle essen - ob hier jemals ein (optischer) Telegraf gestanden hatte, war nicht herauszufinden. Ein Grenzstein auf der Anhöhe, von 1847, markierte das einstige Revier von "EAR", Ernst August Rex, König von Hannover. 


Hätte Ernst August wohl kaum vermutet, das ihn 170 Jahre später keine Sau mehr kennt, hätte niemand gedacht, dass man vom Königreich Hannover nur noch in Geschichtsbüchern lesen kann - vermutet gerade niemand, das Deutschland in ein paar Jahrzehnten auch auf dem Scherbenhaufen der Geschichte liegen wird, sinnierte ich im Schatten des Steines - wäre eher normal denn außergewöhnlich. 


Der Rückweg war nicht minder anstrengend, wenn auch ein wenig kürzer. Ein Hofcafe lag noch auf dem Weg. Wir ließen uns nieder und harrten der Bedienung. Nach 10 Minuten fragte ich die Dame, die am Nachbartisch hinter einer Cola saß und Löcher in die Luft starrte: "Wird man hier bedient oder muss man sich das selbst holen?" -  "Weiß ich nicht!" war die erstaunliche Antwort. Ich wollte dann nicht mehr vertiefen, wie sie wohl an ihre Cola gekommen sei, sondern verließ das Areal ein wenig dickköpfig, wie es bei Nichtbeachtung in gastronomischen Betrieben so meine Art ist. Gefundene Kartoffeln, angebraten mit vom Trecker gefallenen Zwiebeln an Bockwurst gab es am Abend. Köstlich! Alles wäre köstlich gewesen, aber das war besonders köstlich. 


Den Sonntag verbrachte ich, bei herrlichem Wetter, jedoch nicht, ohne vorher einen ausgiebigen Spaziergang gemacht zu haben, und nach, wie immer,  exzellentem, vegetarischen Frühstück im Heide Café, in einer Liegematte, im campingplatznahen Wäldchen, abwechselnd mit schlafen, Kekes essen und denken. Stimmt da jetzt die Interpunktion? Puh! Also, Herbst, prächtigstes Wetter, Lüneburger Heide, eine der beliebtesten Wanderregionen Deutschlands und auf nun schon mehr als 50 Kilometer Strecke sind mir exakt zwei Menschen begegnet? ZWEI an drei Tagen. Da neigt man doch dazu, mit Dieter Hallervorden zu Fragen:"Wo laufen sie denn -  ja wo laufen sie denn??" um zu dem Ergebnis zu kommen: "Ach ist der Rasen schön grün!" Der klassische "Heidewanderer" fährt halt mit seinem B-Klasse Mercedes die einschlägigen "Heidefressbuden" ab und ordert Lammkarree vor Sahnetorte, in den Wald und auf die Heide scheint sich niemand zu verirren, womit ich ganz ehrlich gesagt nicht besonders unglücklich bin, so kann man sich das lästige Grüßen sparen. Sonne runter, Rehlein raus, Hängematte einpacken, Miracoli. Die schmecken noch genau wie vor 30 Jahren und in der Zwischenzeit hatte ich auch keine mehr gegessen. Zum Glück erinnerte ich mich noch daran, das Oberhemd auszuziehen. Miracoli machen hässliche Flecken, damals wie heute. 


Frühstücken, spülen, aufräumen, fegen, Strom abklemmen, Gashahn zudrehen - das wars. Nur noch bis Lüneburg gehen, auch nicht gerade um die Ecke, aber wenn schon wandern, denn schon wandern.



Montag Abend hatte ich dann fast 80 km auf dem virtuellen elektronischen Pedometer. Eine stramme Leistung, wie ich fand und auf das kleine, nunmehr stinkende und arg verklebte Hündchen war ich ganz schön stolz. Es war ein herrliches Wochenende und ich muss gestehen, wandern ist eine ernstzunehmende Alternative zum Fahrrad fahren. 


Sonntag, 2. September 2018

Else



Seit geraumer Zeit habe ich die Stadt satt, richtig satt! St. Georg ist nicht mehr der Stadtteil in den ich vor 16 Jahren gezogen bin. Aus meiner beschaulich schönen, ruhigen Ecke ist eine Touristenmeile geworden, es läßt sich kein Ruhepol mehr finden. Großbaustellen rundherum seit mehr als einer halben Dekade setzen dem eine unangenehme Krone auf und die nahezu allwöchentlichen Großevents in der City, von den Harleydays, über Triathlon bis zum Alstervergnügen poltertern allesamt geradezu an unserer Haustür vorüber und öden mich bestenfalls an. Vorbei die Zeiten, wo man spätabens in Puschen eine ruhige Runde mit dem Hund um den Block drehen konnte - schlimmstenfalls fällt jemand vor dir aus einem Reisebus und kotzt dir vor die Füße. Alles zu laut, von allem viel zu viel.


Wie ertragen die Anderen das nur? Bei der Betrachtung des Status Quo fiel mir alsbald auf, dass ganz viele Nachbarn einen Ruhepol außerhalb des städtischen Treibens haben. Vom Ferienhaus in Südfrankreich über Zweitwohnsitze irgendwo bis zum Schrebergarten ist alles dabei. Die müssen das gar nicht immer aushalten, die sind dann einfach mal weg und der G 20 Gipfel geht ihnen am A.... vorbei. 


Außerdem, die meisten Menschen sind eher die "Drinnen-Typen". Mich macht nichts glücklicher, als draußen umher zu streunen und das macht, wie schon gesagt, überhaupt keinen Spaß mehr. So gährte, manchmal kochte, es seit zwei oder drei Jahren in mir, lange Zeit, ohne einer Lösung auch nur ansatzweise näher zu kommen. Tiny Houses sind meine großen Favoriten. Da hängt jedoch eine Menge dran. Schlank sollte die Lösung sein, schlank und sehr günstig, schließlich habe ich eigentlich überhaupt kein Geld. 


Wohnwagen und Campingplatz kamen mir zunächts überhaupt nicht in den Sinn. Das hatte etwas unmöglich altbacken piefiges. Dann bekam ich diesen Tipp mit dem Campingplatz in der Ostheide. Einfach mal hinfahren und zelten, dann sieht man ja wie es so ist da. Ich war definitiv angetan. Ohne Auto musste man hin kommen können, es sollte keine Weltreise sein bis dort. Ruhig sollte es sein, günstig....lange Rede, kurzer Sinn, ich kam an und fühlte mich angekommen. Der Test auf zwei anderen Campingplätzen bestätigten das Bauchgefühl. Da fehlte jetzt nur noch ein günstiger Wohnwagen.


Wie kann man nur so viel Glück haben? Auf einer Radtour stand "Else" unerwartet am Straßenrand. Noch eine Nacht darüber geschlafen und dann per Handschlag gekauft. Der Vorbesitzer ließ sich sogar dazu überreden, sie mir für kleines Geld auf den Campingplatz zu schleppen. Else ist 27 Jahre alt und noch ganz rüstig. Ein Wochenend lang habe ich geschraubt, geputz, repariert und erst mal geschaut, wie alles so funktioniert. Nun bin ich fast fertig und kann dazu übergehen die Umgebung zu erkunden oder einfach nichts zu tun. Wie schön!


Am Ende war ich etwas erschrocken, wie schnell das alles passiert ist. Ist es auch wirklich das richtige? Wir werden sehen, ist ja nur ein Wohnwagen. Lotte, das kleine haarige Monster, ist  jedenfalls sehr gut angekommen. Ganz schnell hat sie verstanden, was man auf dem Campingplatz darf und was nicht - und schwups war sie everybodys darling...




Montag, 20. August 2018

Mitternachtssonne




Norwegen ist das schönste Land der Welt - Punkt! Ja -  so einfach ist das, und wer es nicht glaubt kann hinfahren und sich überzeugen. Haben wir gemacht, vor fünf Jahren und ziemlich genau so lange währte die Sehnsucht nach der Mitternachtssonne, nach Weite, nach wunderbarem Nichts. Es müssen nicht einmal die spektakulären Ecken und Enden diese Landes sein, wie sich herausgestellt hat, jedoch muss ich gestehen, das Norwegen auch für eine Sehnsucht steht, die sich nie befriedigen lassen wird.


Natürlich waren da wieder die Frage: "Wollen wir uns das wirklich antun?" Kälte? Nässe? Viele Tausend Kilometer anstrengende Autofahrt? Preise die den Atem stocken lassen? Es hat schon eine Weile gedauert, aber dann war es auch ein klares "Ja!" Ja wir machen das. Die norwegische Krone ist derzeit im Keller. Einkaufen am Polarkreis ist also nicht mehr mit Schnappatmung verbunden. Und dann dieser Sommer, der Sommer 2018, war auch auf den Lofoten eine Pracht. Bei Tagestemperaturen zwischen 12 und 17°C riss sich manch Eingeborener die Klamotten vom Leibe um in der Sonne zu wandeln und der als ständiger Begleiter bekannte Wind war in diesem Jahr nicht der Rede wert. Regen? Ja, eineinhalb Mal in gut drei Wochen. Zum ersten Mal, als wir Narvik besichtigen wollten, das Ansinnen endete zunächst auf der unteren Stufe der Autotür und wurde dann gänzlich verworfen und ein halbes Mal gegen Ende des Urlaubes in Schweden. Da wäre das furchtbar eingestaubte Wohnmobil bei nächtlichem getröpfele fast wieder sauber geworden. 


Der Vogelflugline folgend, durch Dänemark nach Schweden (die Fähren waren leider doppelt so teuer wie in unserer Erinnerung) arbeiteten wir uns längs der großen Seen über den Inladsvägen, der längsten Straße des Landes hinauf bis Kiruna. Kiruna, das klingt so schön. Kiruna hat den Brettercharme, den fast alle Städte und Dörfer des hohen Nordens haben. Dennoch ist Kiruna besonders, unterhöhlt vom jahrzehntelangen Erzabbau droht der Einsturz der gesamten Stadt und um dies zu vermeiden soll diese Stadt abgebaut und an anderer Stelle wieder errichtet werden. Ich kenne solche Dinge aus dem rheinischen Braunkohlerevier, aber an eine die Ausmaße sind dort bescheidener. 


Schwere Erzzüge, gezogen von je drei der stärksten Elekrtoloks die Mensch gebaut hat, polterten im regelmäßigen Abstand hinter uns vorbei über die Berge in den stets eisfreien Hafen nach Narvik während im Norden die Sonne über einem langgestreckten See erstmalig nicht unter ging. Welch schöner Einstand. 


Bis zu den Lofoten war es nun nicht mehr weit. Die Inselgruppe, mit ihren, von der letzten Eiszeit nicht abgeschliffenen spitzen, Zinnen, hatte es uns auf unserer letzten Reise in den hohen Norden schon angetan und nun wollten wir mehr Zeit hier verbringen. Recht bald wurde uns jedoch klar, hier ist nichts mehr so wie es war. Auf den Straßen fuhren Wohnmobile in Kolonnen, ruhige Plätzchen waren kaum zu finden, ja man konnte gar beobachten, wer welchen Reiseführer besitzt. An einem Strand, an dem wir vor einem halben Jahrzehnt noch mit Joschi alleine spazieren gingen herrschte fast schon drangvolle Enge. Während viele Festlandseuropäer offenbar die weite Anreise scheuten, wurde die Inselgruppe von Skandinaviern, überwiegend Schweden, geradezu geflutet. 


Wie schade! Wir hatten doch Einsamkeit gesucht. Frühzeitig erreichten wir schon das Städtchen Å am Ende der Europastraße 10, ganz im Süden der Lofoteninseln. Hier, wo es nicht mehr weiter ging, wurde es dann richtig eng und an einspurigen Straßenabschnitten und Brücken staute sich der Verkehr zurück. Die Stimmung war am Boden. Wieder war kein den Ansprüchen genügender Übernachtungsplatz gefunden. Der Entschluss stand: nichts wie weg hier. 


Senya, gut 200 km nördlich, kennt keine Sau, ist aber genau so schön. Mit einer kleinen Fähre verließen wir die Lofoten und unsere Rechnung ging tatsächlich auf. Feinste Plätze für das Übernachten, schöne Wanderungen und Elche die in Vorgärten sonntags morgens Blumen fressen. Waren auf den Lofoten noch 8 von 10 Autos Wohnmobile so waren auf Senya kaum noch Mobilcamper unterwegs. Nur an ausgewiesenen Hotspots gab es ein paar mehr. So verlebten wir noch ein sonnig, zufriedene Tage ganz  weit oben in Norwegen. 


Die Stadt Tromso wusste mit ihrer Architektur, und dem, bei für norwegische Verhältnisse ausgewiesenen Affenhitze, nahezu mediterranen Straßenleben zu überraschen. Eine letzte Nacht noch verbrachten wir an einem Fjord mit phantastischer Aussicht und Mitternachtssonne, bevor wir uns über die Gebirgskette hinüber nach Finnland verabschiedeten. 


Das mitgenommene Fahrrad war die gesamte Zeit nicht zum Einsatz gekommen. Bergiges Terrain, unbeleuchtete Tunnel, unsichere Wetterlage, Verkehrsdichte und schlichtweg zu wenig Zeit waren die Gründe. Nun aber musste es sein. Einmal den norwegisch-finnischen Grenzstein umrunden und auf der E8 Richtung Südwesten gleiten. Endlose geraden, zunächst noch hügelig später lappländisch flach. In nur 5 Stunden war ich 125 km dahin gebrettert und überfuhr die Grenze nach Schweden in Karesuando. Welch ein Ritt! Genau das Maß an Bewegung, das ich jetzt brauchte. 


Lappland wurde seinem Ruf mehr als gerecht. Die Mücken prasselten wie Regentropfen gegen das Wohnmobil und schon bald war das Weiß von Blut und Geflügel überzogen, An Aussteigen war gar nicht zu denken, nicht mal zum Pipi machen. Eine Nacht noch wollten wir in Finnland bleiben um dann am nächsten Tag dem Grenzfluss Richtung Bottnischen Meerbusen zu folgen. Schon kurz nach Mittag fanden wir ein bezauberndes Plätzchen am  Kätkäsuvantu. Am Fluss war ein liebevoller Rastplatz hergerichtet, mit Schlafmöglichkeit, Grill, Toilette und allem was Mensch in der Wildnis so brauchen könnte. Ein Platz von Menschen für Menschen, ganz umsonst und an diesem Sonntagnachmittag ganz für uns alleine. Das kühle Wasser an der nackten Haut vorbei fließen lassen, in der Sonne trocknen, ein Kaffee, das Grillfeuer entfachen und mitgebrachten Fisch grillen. Welch ein schöner Nachmittag. Wir mochten uns kaum trennen, mussten aber noch ein paar Kilometer auf dem begonnenen Nachhauseweg zurück legen, um am Ende nicht in Bedrängnis zu geraten. 


Die Autobahn entlang der Ostsee war im Vergleich die eindeutig schlechtere Wahl. Meist war die See nicht zu sehen und der Verkehr war relativ grässlich. Auch gab es nie Kaffee und Zimtschnecken, jedoch fanden wir einen herrlichen kleinen Campingplatz am Strand und als ich so da saß und beim Frühstück hinaus schaute auf das blaue Meer, dachte ich bei mir: Jetzt könnte der Urlaub anfangen. Leider konnten wir uns nicht einmal eine weitere Nacht hier gönnen - waren wir doch am übernächsten Abend in Karlstadt am Vänern zum Abendessen verabredet. 35 Jahre nicht gesehen und doch wieder erkannt. Der Abend war nett, das Essen toll und Lotte hatte sich, wenn auch mühevoll, mit der Siamkatze des Hauses angefreundet. 


Die letzte Nacht verbrachten wir auf Lolland. Die Jagd nach einem wundervollen Stellplatz ging diese Mal zu unseren Gunsten aus. Sonne, Meer, Schwäne, Zimtschnecken....alles auf Tuchfühlung. Auch hier hätte wir noch verweilen wollen. Beim Frühstück gesellte sich ein freundlicher älterer Herr zu uns. Wie wir den Platz denn gefunden hätten? Aha, die App, soso....Ingineur sei er gewesen, Schiffsbauer, dreißig Jahre wohne er schon hier, er habe sich dieses schöne ruhige Plätzchen ausgesucht zum Leben, aber nun kämen immer die Wohnmobile hier vorbei. In der Stadt würden wir wohnen, mittendrin, und im Urlaub würden wir uns nach einem schönen ruhigen Plätzchen sehnen. Der freundliche Herr lächelte und zog weiter. 


Es ist ein bisschen tragisch - was wir suchen zerstören wir selbst, wenn wir es suchen und man kann kaum etwas dagegen tun.