Montag, 4. Juni 2018

Plan E


"Leben ist das, was passiert, während du fleißig dabei bist, andere Pläne zu schmieden." sagte 
schon John Lennon. So hatte ich auch den diesjährigen ersten kleinen Urlaub ganz anders geplant. Oft denke ich, man schaut besser zu, was so passiert und steigt ein, wenn es passt. Bloß nicht verrückt machen lassen. Zwei Tage mit Lotte alleine wo´s schön ist - das kann ja wohl nicht zu viel verlangt sein. Blöd, wenn es dann nach 5 Wochen erstmalig wieder so richtig schüttet. Die Ausgearbeiteten Pläne A,B,C und D (bei Hitze und strahlendem Sonnenschein) waren durch den noch zu erstellenden Plan E (bei Regen) zu ersetzen - kann vorkommen.




Statt das vorgebuchte Gemach von Hamburg, Aumühle, Lüneburg oder Büchen aus anzufahren, gebot der frühmorgendliche, andauernde Landregen eine kürzere Anreise. Hier bot die Wendlandbahn, bei Anreise bis Dannenberg Ost, maximale Abkürzung. Am Ende wurde es dann Plan E (II) mit Elbquerung in Lenzen.


Endlich in Dannenberg angekommen, drehte Lotte erst einmal zwei rasante Runden um das Bahnhofsgebäude, sehr zur Belustigung des Lokführers. Ich erschrak ein wenig, aber viel passieren kann da nicht. Im Wendland ticken die Uhren langsamer und wenn überhaupt jemand kommt, dann später. Trocken! Na wer sagt´s denn. 


Zum ersten mal in meinem Leben war ich in Gorleben. Die Zeichen des Protestes sind allgegenwärtig. Wie schön es hier doch ist, dachte ich bei mir, warum soll gerade hier der gesamte Atommüll der Nation vergraben werden? Am südöstlichsten Zipfel von Niedersachsen galt es einen echten Berg zu erklimmen. Auf knapp 70m Höhe standen einst zwei der gigantischsten Bauwerke der Republik, die Sendemasten Gartow I und II, sie ermöglichten über Jahrzehnte die direkte Funkverbindung über Feindesland nach West Berlin. 


Der Rad! Weg hinab zur Elbe, gekennzeichnet durch ein "Radfahrer Absteigen" Schild, wies neben einem markanten Gefälle weitere Unzulänglichkeiten in Form von umgestürzten Bäumen auf. Bei genauerer Betrachtung der Situation konnte man leicht erkennen, dass der Sturm, der die Eichen dahinraffte definitiv nicht der letzte oder vorletze gewesen sein kann, sondern schon eine ganze Weile her sein musste. Also, Hund raus aus der Tasche (den muss ich nun wirklich nicht über Stock und Stein hieven) und dann mit geschultertem Fahrrad weiter. 


Ein paar Mal klingeln und die Fähre setzte sich ratternd vom anderen Elbufer in Bewegung, um uns in die Prignitz hinüber zu holen. Welch wunderbares Land -  auch hier überwiegt, wie vormals im Wendland, das Nichts und die Stille. Die erste Mahd in den Elbauen war eingefahren, die Wiesen aufgrund der lange anhaltenden Trockenheit verbrannt. Störche stolzierten auf der Suche nach Fröschen und Mäusen. 


Autopilot auf dem Elbdeich, das hier muss man sich einfach alles genau anschauen, sah es doch hier so aus, als würde jemand ganz langsam Seite für Seite die "Landlust" umblättern. Aha, hier also ist der Born der Ideen aller "zurück zur Natur Magazine".


Dömitz, das Ziel unserer heutigen Reise - ja ich ertappte mich gar dabei, verstohlen nach einer etwas dauerhafteren Bleibe dort zu suchen, die kleine Stadt am südwestlichen Zipfel von Mecklenburg, die wundervoll vor sich hin zerfällt, hat es mir angetan. Die sonst bevorzugten Herbergen vor Ort waren ausgebucht, oder lagen oberhalb es knappen Budgets (schließlich wollen wir in vier Wochen nach Norwegen aufbrechen). So buchte ich eine vermeidliche (Google Bewertungen) Gruselherberge, von der auch meine bessere Hälfte, aus Erfahrungen, die 20 Jahre zurück liegen, gar schauriges zu berichten im Stande war. Plan E, alles wird gut, sauberes, kleines, ruhiges Zimmer mit Elbblick, kein W-Lan, kein Mobilfunk, aber heiß Wasser und Strom. Über den Preis hätte man diskutieren wollen, ich beschloss jedoch den inneren und äußeren Frieden zu wahren. 


Alleine mit Hund und Fahrrad ist Einkaufen ein schwieriges Thema. Noch etwas zu knabbern und viel Flüssigkeit sind dem Radler stets genehm. Auch Dömitz hat einen. Einen dieser neuen Aldis, die aussehen wie ein edler Feinkostladen. Plan E - heute klappte alles. Vor dem Eingang stand der (mutmaßlich) einzige Stadtstreicher der Gegend, mir wohl bekannt, von einem meiner vorangegangenen Besuch in der Stadt (da hatte er uns beim sonntagmorgentlichen Frühstück an der Tanke großartig unterhalten). Ich drückte ihm einen Euro und die Leine in die Hand: "Lotte!- Ich komm gleich wieder." Drinnen, im Aldi, wie überall nichts. Zwei Verkäuferinnen spielten offensichtlich "Kaufladen", soll heißen, die Eine kaufte der Anderen etwas ab, sonst war außer mir niemand im Aldi. Ich kam nicht umhin, mich über die Situation lustig zu machen, aber auch die Beiden nahmen es mit Humor: "Dömitz halt! Da geht samstags Abends keiner mehr bei Aldi!"


Nach einem Abstecher zum zerfallenen Bahnhof näherte ich mich dem Höhepunkt des Tages. Auerochsburger und Sanddornbrause im Hafenhotel. So viel Geld muss übrig sein, auch wenn es sonst gerade knapp wird. Auch wenn ich mich gerade wiederhole, im Zentrum des kulturell-kulinarischen Treibens der Stadt nichts los. Zum Glück, wer gibt schon einen freien Tisch am Samstag Abend an eine Einzelperson? So konnte ich ganz in Ruhe göttlich speisen, das hauseigene freie W-Lan benutzen und entspannt auf das Nichts im Hafen starren. 


Die Dämmerung war schon vorbei als ich aufbrach. Es regnete. Ich nahm den Weg über den Deich hinaus an die Eldemündung, Lotte sprintete vor und zurück. Über die Elbe kamen Fetzen von Musik. Schützenfest? Um Halbdunkel waren die Pfeiler der ehemaligen Bahnbrücke noch zu sehen. Mehr als 70 Jahre stehen sie nun schon ungenutzt in der Elbe, länger als sie je genutzt wurden. Quakende Frösche, Sprühregen im Gesicht, bis zur neuen Autobrücke sind es nur zwei Kilometer, oder drei. Es regnet. Tiefschlaf, Lotte auch, gegen 6 Uhr lag sie noch genau so auf der Decke vor dem Bett, wie sie am Abend eingeschlafen war. Die Elbe verschwand im Grau. Frische Luft satt, ich verschob das Frühstück um eine Stunde und schlief noch mal ein. Es regnete. 


Das Frühstück war überschaubar. Mir gegenüber saß ein Schweizer, wir redeten über dies und das. Die Schweiz ist eine Genossenschaft - erstaunlich, sie heißt ja so, aber klar wurde mir das erst im Gespräch. Es schadet nie, mit Ausländern ins Gespräch zu kommen. Gezahlt, gepackt, eine Gassirunde mit Lotte, es regnete nicht mehr - ich liebäugelte mit Plan A, geradewegs nach Hamburg zurück radeln. Im Laufe des Tages haderte ich dann noch ein wenig mit der Entscheidung. Permanenter Gegenwind kann einem als Radfahrer ganz schön die Laune verderben. Da heißt es dann einfach Zähne zusammen beißen und weiter. 


In Bleckede überquerte ich mit der Fähre die Elbe, zwischen Boizenburg und Geesthacht nutzt der kluge Radler gerne die linke Elbseite. In Radegast wurden wir zu Gast im Gasthof. Lotte am Nachbartisch (ich war leider nicht schnell sortiert genug, sie davon abzuhalten) und ich bei der Wirtin, die wie schon beim letzten Mal gegen hier nicht vorhandene Ausländer wetterte und mir tiefgefrorenen Apfelkuchen als selbstgebacken und frisch verkaufte. Ich schmunzelte und beschloss mich keinesfalls aufzuregen, schließlich benötigte ich meine Kräfte noch für die weiteren 70 Kilometer. Manche Dinge ändert man einfach nicht.


Nach über 90 km Deich und Schafen fiel im auf der Brücke an der Schleuse in Geesthacht auf, was ich überhaupt nicht vermisst hatte. Autoabgase und Motorradlärm. So ein Sonntag kann ganz wundervoll sein ohne. Ich war erstaunt, dass ich das gar nicht gemerkt hatte und beschloss gleich hinter der Stadtgrenze dem Trubel erneut zu entrinnen und den bewährten Marschbahndamm für die letzten Kilometer zu nutzen. Am Ende gab sich gar die Sonne noch ein Stelldichein. Zu Hause gab´s Kaffee, eine Begüßungspraline, eine Wanne mit heißem Wasser, dann die ersten Schmorgurken des Jahres an Tatort und für Lotte ein besonders leckeres Leckerli. Schön wenn man so empfangen wird, dann kommt man gerne immer wieder nach Hause.