Donnerstag, 8. Februar 2018

Jeetzel Auen


Das hatte man sich ja fein ausgedacht, den über Jahrzehnte gesammelten deutschen Atommüll im letzten Winkel der Republik zu verscharren, dort wo (fast) niemand mehr wohnt und gleich die DDR anfängt, also dort wo es nun wirklich niemanden interessiert bis Gras drüber gewachsen oder der Salzstock eingestürzt sei. Da hatte man jedoch den Strich zu früh unter die Rechnung gezogen. Die Wenden entpuppten sich als zähe Kämpfer für ihren wundervollen Landstrich und im Laufe der Geschichte ergab es sich, dass aus ganz am Ende das Mittendrin wurde. 


In Dannenberg, wenige Kilometer vor dem Acker, auf dem der strahlende Müll, unter einer Plane, auf eine gute Idee wartet, endet die Wendlandbahn. Der Erixx fährt nur alle drei Stunden, die Infrastruktur lässt einen dichteren Takt nicht zu. Da muss man sich halt drauf einstellen. Das Tolle ist, die Bahnstrecke liegt noch im Hamburger Verkehrsverbund und ich muss am Wochenende für die Fahrt nichts zahlen. 


Für den Anfang, bei nass-winterlichen Wetterverhältnissen, reichte mir eine drei Stunden Wanderung völlig aus. Der Blick auf die Landkarte, bei der Planung am Tag zuvor, ließ zunächst nichts höchst spannendes erwarten. Dem Unterlauf der Jeetzel wollte ich folgen und dann von Hitzacker mit der Bahn wieder zurück nach Hamburg fahren. Fertig!



Lotte war guter Dinge. Nach einer für sie langweiligen Woche im Büro ging es heute endlich wieder auf Reisen. Wenn ich den kleine Wanderrucksack packe, dann weiß sie gleich was los ist. Thermosflasche, Akkus, Handy, GPS-Gerät, ein paar Bonbons und die Leckerlis - Aufbruch! Ab Lüneburg wird die Bahnfahrt gemächlich und man hat die Zeit, sich auf das Wendland einzustimmen. Es fühlt sich dann auch an, wie irgendwo zwischen Mittelalter und 1980. Man kann es nicht so recht beschreiben, man muss es sich ansehen und spüren. 


Auf einer ehemals kopfsteinpflasternen Allee verließ ich Dannenberg und mit jedem Schritt weitete sich mit der Landschaft auch mein Herz. Fast ehrfürchtig blieb ich stehen und konnte es gar nicht fassen. War ich in einem Film von Heinz Sielmann gelandet? Nein, das war nicht die Serengeti, das war das Wendland und es war feucht und es schneite leicht, aber sonnst stimmt alles. Ein Rudel von mehr als 30 Rehen stob aufgeschreckt davon und rannte mitten hinein in einen riesigen Gänseschwarm, der sich aufgeregt in den Himmel erhob. Wow! Welch ein Bild! Zwei Kraniche die auf Tuchfühlung über mich hinweg flogen machten das Bild perfekt. 


Giraffen, Antilopen, Löwen, Elefanten, in meiner Fantasie hätte alles in diese Landschaft gepasst -  nur wie gesagt, es war Winter und ich war im Wendland. Wir genossen jeden Meter. Lotte mühte sich redlich, die Pfützen zu umgehen, aber bald hatten sich doch kleine Eiszapfen im Fell gebildet. 



Zwischen Nienwedel und Seerau hatte das Winterhochwasser die Jeetzel zu einem breiten Strom anschwellen lassen. Während das Schneetreiben dichter wurde legten wir an einer geschützten Stelle eine kleine Kaffeepaus ein um dabei mit Muße die Landschaft zu betrachten. In meine ganzen bisherigen Leben hatte ich noch nie so viele Rehe gesehen wie an diesem einen Tag und das spektakuläre an dieser Landschaft ist, dass es hier nichts gibt, aber davon eine ganze Menge.    


Ziemlich glücklich stieg ich in Hitzacker wieder in die Wendlandbbahn. Der Zug war noch auf dem Hinweg nach Dannenberg, aber wozu in der Kälte stehen? Aus dem Fenster schaute ich im vorüberfahren noch zwei Mal hinaus in die weiten Jeezel Auen. Mir kam so eine Idee davon, warum mein Ex-Nachbar vor ein paar Wochen aus dem hippen St. Georg zum Atommüll ins Wendland gezogen ist.