Montag, 8. Januar 2018

Trave



Ganz langsam lerne ich den Winter lieben. Von der dunklen, kalten, endlos langen Jahreszeit entwickelt er sich zum Wunderland, das entdeckt werden will. Der wohl ausschlaggebende Grund dafür ist, dass wir das Wandern entdeckt haben und damit eine weitere Möglichkeit, Licht, Luft und Bewegung zu tanken. Nicht, das ich in diesem noch kurzen Jahr nicht schon Fahrrad gefahren wäre. Der erste Plattfuß ist geflickt, die ersten Hundert Kilometer dahingerollt, aber heute stand Wandern auf dem Aktivitätenzettel. 



Strahlender Sonnenschein, -2°Celsius, Lotte voller Tatendrang, ich noch nicht so. Das Aufstehen gestaltete sich in drei von Kaffee unterbrochenen Etappen. Dies war der eine Grund, warum wir spät dran waren. Der andere Grund lag bei der Deutschen Bahn. Bei zwei Zügen stündlich wartet man statistisch 15 Minuten auf den nächsten Zug. Wir wählten die Maximalwartezeit, hinzu kam eine Verspätung von 20 Minuten und überholende Züge an jedem Zwischenbahnhof, was zu einer Reisezeit von schlapp 2 Stunden für knappe 50 Kilometer führte. Aber wir wollen nicht klagen, es war warm und die Sitze waren weich. 


Wo es schön ist und ich schon immer mal hin wollte stand auch heute wieder auf der Liste. Fährt man nämlich von Lübeck nach Hamburg mit der Bahn, so durchquert man das Travetal an einer recht hügeligen Stelle und von der erhöht gelegenen Bahnlinie hat man mehrmals einen wundervollen Ausblick. Genau dort sollte es hin gehen, nach Bad Oldesloe in Stormarn und von dort aus der Trave Richtung Ostesee folgend. 


Oldesloe, längst nicht mehr Bad, hat eine spannende Geschichte. Im 16. Jahrhundert an der durch den Alster-Beste-Kanal entstandenen Wasserstraße zwischen Lübeck und Hamburg gelegen, kurzzeitig blühende Handelsstadt. Man sagt es sei die teuerste Fehlinvestition gewesen, die die Stadt Hamburg je getätigt habe, denn nur wenig mehr als 20 Jahre war der Kanal schiffbar, bevor er aufgegeben wurde. Die Trave hingegen war noch bis in die 1830er Jahre bis Bad Oldesloe von Schiffen befahrbar. Die damals neu gebaute Bahn machte dem Flüsschen als Transportweg endgültig den Garaus.....soviel aus unserer Serie "unnützes Wissen am Abend", auf das heute Outdoor Erlebnis hat das alles schließlich überhaupt keine Einfluss.


Lotte stratzte los, und das war auch gut so, in weniger als zwei Stunden würde die Sonne unter gehen und dann sollten wir wieder in der Zivilisation sein. Wir folgen dem Flusslauf, die Sonne im Nacken und meist festes Eis unten den Füßen. Die Trave war an einigen Stellen über die Ufer getreten und breit gefroren. Stellenweise konnte man leider nicht erkennen, wo sich fester Untergrund unter dem Eis oder wo sich Wasser befand. Als Mensch hat man immerhin noch eine Ahnung wo Weg und wo Fluss sein könnte, Lotte ging das jedoch komplett ab. Sie schlitterte freudig übers glatte gefrorene Nass und mir stockte mehrmals der Atem, als sie sich dem Fluss näherte, denn das Eis war noch sehr dünn. Alles gut gegangen, manchmal hat man einfach Glück. Nur das Eis im dichten Fell klimperte beim laufen. Trotzdem war ich froh, als wir bergan, über die schon erwähnte Bahnlinie nach Lübeck, in einen winterlich kahlen und trockenen Wald wechselten.



Ich finde die winterliche Natur mehr und mehr zauberhaft. Man sieht so vieles, was im Sommer vom dichten Grün verborgen ist. Immer wieder blieben wir stehen, atmeten tief eisige Luft und schauten einfach nur, schauten so lange bis uns die Dunkelheit einholte. Das Hundeverbotsschild im Café in Bad Oldesloe übersahen wir, im Gegenzug übersah die Bedienung den Hund. Ich fand das war ein guter Deal. Für mich gab es einen Pott heißen Kaffee und klassisch, eine Nussecke, für Lotte - nichts. Restaurants und Café sind Orte wo Hunde nichts essen (Punkt) Das hat schon bei Joschi wunderbar funktioniert und Lotte hat es schnell gelernt. Aber wenn man dann später nach dem Essen wieder ins Freie kommt, dann gibt es ein Fest für den Hund. 


Zug in 5 Minuten, geht doch - dachte ich. Das war aber nur der geschmeidige Anfang. In Ahrensburg wurde der Zugbegleiter zum Zugführer gerufen. Das bedeutet meist Ungemach. Das vor uns liegende Gleis sei besetzt, gesperrt, ein entgegenkommender Zug sei mit einem Festen nicht identifizierten Gegenstand zusammengestoßen, die Bundespolizei müsse den Gegenstand finden bevor die Strecke freigegeben werde, der "Zugstau" sei jetzt auf 4 angewachsen, ein Rettungsdienst sei im Einsatz, soweit die folgenden sechs Ansagen des Zugbegleiters. Unappetitlich werden sie ja selten bei ihren Ansagen. Die Aussicht war jedoch, für ein Weiterkommen, sehr bescheiden. Ich entschloss die schon müden Füße noch einem  zu reaktivieren und mich auf den Weg zur U-Bahn Station in Ahrensburg-West zu machen. Die zwei Kilometer gingen dann auch noch irgendwie. Hunger und mangelnde Lust noch etwas zu kochen trieben mich in die Pommesbude meines Vertrauens. Currywurst, Pommes, Bier, ja ich weiß, es gibt Menschen, die finden das unglaublich - ich nicht :)