Sonntag, 7. Februar 2016

Von alten Träumen und tragbaren Kompromissen

Russland Four-Thirds
Mit der Olympus E420 durch Sibirien


Haben Sie diesen Traum nicht auch schon einmal geträumt: Einmal im Leben mit der Transsibirischen Eisenbahn um die halbe Welt fahren? Den Stress des Alltags einfach zu Hause lassen, dieses scheinbar unendliche Land erkunden? Das pulsierende schrille Moskau erleben? Endlose Stunden aus dem Fenster eines fahrenden Zuges schauen, ihre Arbeit vergessen? Bei ohrenbetäubender Stille am Baikalsee wieder das eigene Ich finden? Unbekannte Millionenstädte jenseits des Ural entdecken und dann endlich am Ziel ihres Traumes, den Blick am Goldenen Horn über den Pazifik schweifen lassen? In der Phantasie habe ich diese Reise schon 1000 Mal gemacht – aber in diesem Sommer war es an der Zeit, es wirklich zu tun. Zwei Semester russisch an der Volkshochschule sollten mir im Gespräch eine Chance zur Verständigung bieten und auch die kyrillischen Schriftzeichen lesen zu können, stellte sich im russischen Alltag als sehr vorteilhaft heraus. Endlose Stunden der Internet-Recherche waren vergangen. Die Visa lagen in der Schublade, Flüge, Züge und Unterkünfte waren gebucht – dem Sparschwein knurrte der Magen und natürlich war die Fotoausrüstung wohl bedacht zusammengestellt. – Mitte Mai, noch 6 Wochen bis zum Abflug nach Moskau, und langsam baute sich diese wohlige Spannung auf, die man vor solch einer Traumreise hat.

Von diversen Zweifeln geplagt werden, gehört sicherlich auch zu solch einer Reise. Wie wird das Wetter, sind die Menschen freundlich, habe ich das richtige Schuhwerk, was passiert, wenn ich einen der vielen Züge verpasse, ist meine Fotoausrüstung optimal zusammengestellt? Schließlich soll die fotografische Dokumentation der Reise viele Jahre Grundlage für schöne Erinnerungen sein, zudem möchten die Zurückgebliebenen in der Heimat nach der Reise etwas sehen und das soll wie gewohnt beeindruckend sein. Mit auf die Reise sollte meine Nikon D300 nebst lichtstarker Zoomobjektive, einem stabilen Stativ und dem obligatorischen Kleinkram. Die mit Bedacht zusammengestellte Ausrüstung dürfte zumindest aus technischer Sicht beeindruckende Reiseerinnerungen liefern.

Beim Probepacken, lange bevor die Reise losgehen sollte, kamen dann jedoch erste Bedenken. Knapp 6 kg brachte die Fotoausrüstung auf die Waage, rund 1/3 vom zulässigen Gesamtgepäck, das Aeroflot seinen Flugpassagieren zugesteht. In Anbetracht der klimatischen Verhältnisse muss man in Sibirien auch im Sommer auf alle möglichen Wetterkapriolen gefasst sein und entsprechende Kleidung vorhalten. Außerdem mussten noch Geschenke für russische Gastfamilien, ein Paar Schuhe zum Wechseln und nützliche Kleinigkeiten, vom Schweizer Taschenmesser, einem GPS Gerät über den Isolierkaffeepott bis hin zur Taschenlampe ins Gepäck für die geplante vierwöchige Reise. Auch die Vorstellung 6 kg Fotoausrüstung tagelang durch die sibirische Taiga zu schleppen verursachte Bauchschmerzen. Dazu kam eine diffuse Angst, 5.000 € elektronischer Gerätschaft nachts durch finstere Moskauer Seitenstraßen spazieren zu führen oder versehentlich bei einem Bootsausflug auf dem Baikalsee in eine Tiefe von 1.700 m zu versenken. Doch welche Alternative gibt es?

Reisen mit einer Kompaktkamera kommt für mich nicht in Frage. Zu oft schon habe ich mich über die gruselige Bildqualität diverser Vertreter dieser Kameragattung geärgert. Bildrauschen schon bei moderater ISO Einstellung, deutlich sichtbare Verzeichnungen bei Architekturaufnahmen und eine Auslösungsverzögerung jenseits des Erträglichen sind nur einige der Kritikpunkte. Mit jeder neuen Kompaktkamerageneration hatte ich die Hoffnung, dass dies ein Ende hätte. Immer wieder bin ich enttäuscht worden. Schlimmer noch, ich habe den Eindruck, dass der Megapixelwahn der letzten beiden Jahre sogar zu einer allgemeinen Verschlechterung der Bildqualität geführt hat. Reisen mit 2-3 guten Festbrennweiten im Gepäck? Sicherlich eine Alternative – aber sehr schnell taucht dann das Gespenst des für immer und alle Zeiten verpassten Motivs auf, weil grade die falsche Brennweite auf der Kamera montiert war.


Während mich tagelang die Überlegungen quälten, fiel mir der Prospekt eines benachbarten Fotohändlers in die Hände: „Die weltweit kompakteste D-SLR“ pries man dort an. Die damals brandneue Olympus E-420 im Set mit zwei Standartobjektiven und dies zu einem durchaus attraktiven Preis. Schnell rief ich im Internet die verfügbaren Basisinformationen, Testberichte des Vorgängermodells (aktuelle gab es noch nicht) und Vergleichspreise ab. Ein Besuch beim Händler überzeugte mich dann endgültig – das ist meine Russland-Kamera, der tragbare Kompromiss. Seit Jahren auf das Nikon-System eingestellt, fiel mir der Umgang mit der Olympus E-420 wider Erwarten leicht. Die Bedienung ist logisch und der Body macht einen grundsoliden Eindruck. Ebenso die beiden mitgelieferten Kit-Objektive. Das Zuiko Digital ED 14-42 1:3.5-5.6 ist zudem für ein Objektiv der Amateurklasse erstklassig gefertigt. Zoom- und Fokusring sind angenehm leichtgängig. Aufgrund der geringen Lichtstärke der beiden Kit-Objektive und weil es so klein und leicht ist, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mir vor Antritt der Reise noch ein Olympus Digital 25mm 1:2.8 Pancake Objektiv zu kaufen. Die Neugier auf diese nur 95g schwere halbwegs lichtstarke Festbrennweite war zu groß. Vorweg – ich habe es nicht bereut und der kleine Schatz hat auf der Reise große Dienste geleistet.

Mitte Juli ging es dann endlich los. Zu viert hatten wir monatelang die Reise geplant. Vom Berliner Flughafen Schönefeld brachte uns ein Airbus der Aeroflot nach Moskau. Nach zweitägigem Aufenthalt sollte die Bahnfahrt Richtung Osten am Jaroslawler Bahnhof, dem KM 0 der Transsib starten. Vier Wochen lang würde uns die Reise, quer durch das größte Land der Erde, bis zum Endpunkt bei KM 9288 am Goldenen Horn in Wladiwostok führen. Die reine Bahnfahrzeit summiert sich auf 8 Tage und Nächte. Geplante Stopps sollten sein, Krasnojarsk, mit knapp 1 Mio. Einwohner die drittgrößte Stadt Sibiriens, ein kleines Dorf in der westsibirischen Taiga namens Birjusa und Irkutsk, die Metropole der Baikalregion. Am Baikalsee war ein längerer Aufenthalt geplant. Von Irktusk startete die Fahrt mit einem Touristenzug auf der alten Baikalbahn entlang des Sees bis Port Baikal. Von dort weiter mit einer Fähre über den einzigen Abfluss des Baikalsees, der Angara, nach Listwjaka, der, sollte es nach dem Willen der Bürgermeisterin gehen, künftigen Tourismusmetropole am Baikalsee. Ein Taxi sollte uns von dort Richtung Norden bis zur Fähre auf die größte Baikalinsel Olchon bringen. Dort war dann eine einwöchige Pause geplant. Zurück in Irkutsk sollte die Weiterfahrt auf der transsibirischen Eisenbahnstrecke mit kurzen Aufenthalten in Ulan-Ude und Chabarowsk bis zum Endpunkt im Pazifikhafen Wladiwostok führen. Dann würde der letzte und wohl härteste Teil der Reise auf uns werten, fast 30 Stunden Rückreise über Moskau und Berlin bis ins heimatliche Hamburg. Doch dies lag noch buchstäblich in weiter Ferne.


Moskau – eine Stadt der Superlativen. Mit deutlich über 10 Millionen Einwohnern die größte Metropole Europas. Am Nordrand des Stadtzentrums wachsen am Ufer der Moskwa seit Mitte der 90er Jahre, in der Moscow City, ein guter Dutzend Wolkenkratzer in den russischen Himmel. In der warmen Jahreszeit pulsiert auf dem Roten Platz, im nahen Alexandergarten und auf der Flaniermeile Arbat das Leben.  Auf einer Länge von 80 km strömt die Moskwa in weiten Bögen träge durch die Stadt. Sicherlich, der Rote Platz mit den Türmen der farbenfrohen Basilius-Kathedrale auf der einen und den Kreml-Türmen auf der anderen Seite wurde schon millionenfach fotografiert. Die fotografische Herausforderung, ein besonderes Foto zu schießen, ist nicht einfach. Weitere Highlights im Stadtzentrum sind, neben dem Kreml, die Jahrhunderte alte Stadtfestung, das Kaufhaus GUM, mit seinen beeindruckenden Hallen und langen Glasdächern und die Christ-Erlöser-Kathedrale, dem zentralen Gotteshaus der Russisch-Orthodoxen-Kirche, der 103 m hohe Kuppelbau 1931 zerstört und im Jahr 2000 neu errichtet. Die Sieben Schwestern, Hochhäuser im prachtvollen stalinistischen Zuckerbäckerstil sind aus dem Stadtbild nicht wegzudenken, Eyecatcher in jedem Stadtpanorama. Das größte beherbergt die Lomonossow-Universität, ein weiteres das russische Außenministerium, zwei der Häuser werden als Hotelanlage benutzt und die verbleibenden beiden dienen als luxuriöse Wohnhäuser der oberen Preisklasse. Ein fotografisches Muss ist die Moskauer Untergrundbahn. Die prachtvollen Stationen der Moskauer Metro auf der Ringlinie Kolzewaja, gleichen eher prunkvollen Palästen denn schnöden Zweckbauten. Zur Rushhour jagen die langen Züge im 45 Sekunden Takt durch den Untergrund. Mit jährlich 3 Milliarden Fahrgästen ist die Moskowskoje Metro das wohl weltweit effizienteste Nahverkehrssystem. Fotografieren indes ist nicht einfach – zum einen ist es aus Sicherheitsgründen nicht erwünscht, zum anderen ist das Benutzen eines Stativs wegen der stetig fließenden Fahrgastströme unmöglich. Dennoch sind mir mit dem kleinen, leichten Pankace-Objektiv einige beeindruckende Aufnahmen der unterirdischen Kathedralen gelungen. Viele gute Vorsätze bezüglich meines fotografischen Vorgehens in der russischen Hauptstadt, musste ich schon nach ganz kurzer Zeit über Bord werfen. Zum einen hatte die Geduld meiner nicht fotografierenden Mitreisenden Grenzen, zum anderen waren 2 ½ Tage Aufenthalt rückwirkend betrachtet doch sehr knapp bemessen. So fühlte sich dieser Teil der Reise auch ein wenig wie ein Foto-Marathon an.


Auf der mit 9288 km längsten durchgehenden Eisenbahnstrecke der Welt sind rund um die Uhr unzählige Züge zwischen den 396 Bahnhöfen unterwegs und befahren mehr oder weniger lange Streckenabschnitte. Das Zugpaar 1 in der Ost-West Richtung und 2 in der umgekehrten Richtung jedoch, fahren die gesamte legendäre Eisenbahnstrecke ohne die Notwendigkeit eines Zugwechsels. Jeweils an ungeraden Tagen verlässt ein Zug mit der Nr. 2 Moskau und erreicht den Pazifik 8 Tage später.  Am Abend des dritten Reisetages war es dann endlich soweit. Nachdem eine freundliche Zugbegleiterin die Fahrscheine beim Einsteigen kontrolliert und uns unsere beiden Abteile gezeigt hatte, setzte sich Zug Nr. 2 „Россия“ (Russland) langsam in Bewegung. Es war ein großartiger Augenblick. Im Zeitalter der Billig-Airlines ist uns als Reisenden das Gefühl von Weite fast abhandengekommen. Auf dieser Reise sollte es anders sein, ich wollte die Weite des Landes Meter für Meter spüren.


Aus fotografischer Sicht legte sich die Euphorie recht schnell. Russische Fernreisezüge sind klimatisiert und kein Fenster lässt sich öffnen. Beim Fotografieren aus dem Abteil muss man mit Reflektionen an den meist schmutzigen Fensterscheiben kämpfen und wie sich schnell herausstellte, war die Reisegeschwindigkeit von 80-100 Stundenkilometern in den meisten Situationen zu schnell, um scharfe Fotos zu schießen. Ein kleiner Trost war, dass die westsibirische Taiga ohnehin kaum würdige Fotomotive liefert. Schnurgerade verläuft die Breitspurtrasse über viele hundert Kilometer durch sumpfige Birkenwälder. Gras, Bäume und eine Menge Nichts. Das mit Spannung erwartete Uralmassiv, die Grenze zwischen Europa und Asien, entzauberte sich dann auch nur als Hügelkette, die die Transsib in einer unspektakulären Höhe von gut 400 Metern überquert. Lediglich ein Obelisk bei Kilometer 1777 markiert die Grenze zwischen den Kontinenten. Bleibt, die fotografische Aktivität auf die wenigen längeren Stopps des Zuges zu beschränken. Auf unserer ersten Etappe von Moskau nach Krasnojarsk heißen diese Perm, Jekaterinburg, Omsk und Nowosibirsk. Zwischen 3 und 20 Minuten dauert ein solcher Stopp. Passagiere steigen ein und aus, das Personal wird gewechselt, Proviant und Wasser werden aufgefüllt und das Fahrgestell des Zuges von Mechanikern mit kleinen Hämmerchen und Infrarotthermometern in Augenschein genommen. Fliegende Händler breiten ihr Warenangebot auf den Bahnsteigen aus, Lebensmitteln und Getränke, Toilettenartikel, Souvenirs. Grotesk sieht es aus, wenn jemand bei sengender Sommerhitze Fellmützen und Pelzstiefel feilbietet – doch wir sind in Sibirien, der Sommer ist kurz und der Winter kalt und dauert ewig. Da ich mich auch selbst mit der einen oder anderen Köstlichkeit versorgen wollte, waren dies Fotoausflüge sehr kurz. Ein Fall für das 25mm Normalobjektiv, liefert es doch, mit seinem der menschlichen Wahrnehmung entsprechenden Blickwinkel, eindrucksvoll authentische Fotos des bunten Treibens auf den Bahnsteigen.  Im normalen Fotoalltag hält sich meine Begeisterung für die Automatikfunktionen von Digitalkameras in Grenzen, bei dem gegebenen Zeitdruck jedoch war es das Mittel der Wahl. Bei kritischen Motiven habe ich zwei- oder dreimal auf den Auslöser gedrückt um die Trefferquote zu maximieren. Ich kann der Olympus E420 in dieser Disziplin eine gute Note bescheinigen. Der Autofokus ist treffsicher und die Belichtung stimmt meist auf den Punkt. Mit dem kleinen, leisen Pankace-Objektiv lassen sich im Bedarfsfall schnell und unauffällig “Aufnahmen aus der Hüfte“ schießen. Problematisch sind Fahrtunterbrechungen im Dunkeln, zwar sind die Bahnhöfe meist sehr gut ausgeleuchtet, jedoch reicht das Licht für Freihandaufnahmen nie aus. Der Plan, das mitgenommene Stativ aufzubauen, war mangels Zeit und im Hinblick auf die Verkehrssicherheit auf den engen Bahnsteigen zum Scheitern verurteilt.  In diesen Fällen habe ich die ISO Empfindlichkeit der Kamera auf ISO 400 oder ISO 800 hochgeschraubt und die Kamera an einem festen Gegenstand abgestützt oder aufgelegt. Einige stimmungsvolle Reiseerinnerungen sind so entstanden.  


Mit knapp einer Million Einwohnern ist Krasnojarsk die drittgrößte Stadt Sibiriens. Zwei Tage, drei Nächte und 4100 Schienenkilometer von Moskau entfernt liegt die Metropole im Herzen Sibiriens. Nein, malerisch sieht sie nicht aus. Von unserem, noch deutlich mit sowjetischem Charme behafteten, Hotel am linken Ufer des Jenisseis schweift der Blick über ausgedehnte Industrieareale auf der anderen Seite des Flusses. Rund um die Uhr fließt ein nicht abreißender Fahrzeugstrom über die vierspurige Straßenbrücke in die Stadt. Krasnojarsk scheint im Verkehrschaos zu ersticken. Eine seit 1986 im Bau befindliche U-Bahn verheißt Besserung, aber zunächst einmal bleibt dicke Luft und dichter Verkehr angesagt. Trotzdem, während unseres kurzen Aufenthaltes zeigte sich die Stadt auch von ihrer angenehmen Seite. Noch einige der prachtvollen sibirischen Holzhäuser aus dem beginnenden 19. Jahrhundert stehen im Stadtzentrum. Neuere Bauwerke mit fast italienisch anmutender Architektur datieren wohl auf die vorletzte Jahrhundertwende. Seit ein paar Jahren zieren auffallend viele Brunnen die Stadt und ein Spaziergang über den „Prospekt Mira“, der Einkaufsstraße, lohnt ebenfalls. Vom Einbruch der Dunkelheit bis in die frühen Morgenstunden herrscht in der kurzen Sommersaison zwischen den Springbrunnen vor der Oper und dem Ufer des Jenisseis ein buntes Treiben. Meist jugendliche Russen treffen sich hier zum Klönen, lauschen Straßenmusikern oder trinken Bier aus Dosen. Um diese Stimmung einzufangen, kam zum ersten Mal das mitgebrachte Stativ zum Einsatz. Das Slik Sprint Mini GM passt mit seinem 36 cm Packmaß und einem Gewicht von 740g Prima in den Reiserucksack und auch in jeden Day-Pack.  Die Bedienbarkeit des kleinen Kugelkopfes und die maximale Arbeitshöhe zahlt jedoch den kompakten Abmessungen Tribut. Gut, wenn man sich mit der Bedienung seiner Kamera und den Features vor einer Reise schon eingehend beschäftigt hat. Auf das Stativ montiert lassen sich mit Selbstauslöser und der Spiegelvorauslösung (im Kameramenue Anti-Schock genannt) bei niedriger ISO Einstellung mit der E420 perfekte, verwacklungsfreie und rauscharme Nachtaufnahmen anfertigen.


Nur eine Nacht dauerte die Zugfahrt bis zum nächsten Zielbahnhof Taischet. Beim ersten Morgentee aus dem Samowar des Nachtzuges, beobachteten wir einen prachtvollen Sonnenaufgang über der dunstigen Taiga, die Belohnung für das frühe Verlassen der Schlafkoje. Am Bahnhof erwartete uns Schenja, ein freundlicher, hagerer, hoch gewachsener Mann mit goldenen Schneidezähnen Unser russischer Gastgeber chauffierte uns in sein Heimatdorf Birjussa am gleichnamigen Fluss. Zum ersten Mal auf dieser Reise hatten wir die urbane Zivilisation hinter uns gelassen. Unbefestigte Straßen, kleine Holzhäuser landschaftstypischer farbenfroher bemalt mit kunstvollen Verzierungen, dazwischen Gärten mit Kartoffeln, Kohl, Rote Beete und Dill – den einzigen Nutzpflanzen, die in der kurzen sibirischen Vegetationsperiode in größerem Umfang angebaut werden können. Ein gefühlter Zeitsprung von 100 Jahren, hätten wir nicht eben noch in einem geräumigen Van aus japanischer Produktion gesessen. Unsere Unterkunft war bescheiden aber schmuck. In Birjussa gibt es elektrischen Strom (was nicht selbstverständlich ist), eine öffentliche Wasserversorgung jedoch nicht. Brauchwasser holt man am Fluss, Trinkwasser spendet der hauseigene Brunnen im Garten. Ein Waschbecken, ebenfalls im Garten, und die obligatorische Banja dienen der täglichen Körperhygiene. Etwas abseits am Kartoffelfeld befindet sich das in Sibirien übliche Plumpsklo in einem kleinen Holzhäuschen. Für verwöhnte Mitteleuropäer eine nicht gerade üppige sanitäre Ausstattung, die besonders nachts ihre Tücken offenbart.


Am Nachmittag waren wir zum Picknick in die Taiga eingeladen. Auf einem mit Außenbordmotor betriebenen Aluminiumkahn folgten wir eine knappe Stunde dem Flusslauf der Birjussa zu einem versteckten Lagerplatz. Ein herrlicher Flecken Erde, etwas oberhalb des Flusses, von Birken umstanden inmitten hüfthoher blühender Kräuter und Blumen. Schenja entfachte ein Lagerfeuer und kochte aus frisch gepflückten Kräutern und mitgebrachtem Schwarztee ein Getränk, das gesüßt mit einer Beerenmarmelade sehr wohlschmeckend war. Seine Frau Lena bereitete derweil aus Roten Beeten, Zwiebeln Weißkohl, Kartoffeln, und Rindfleisch den russischen Nationaleintopf Borschtsch vor. Salz, Pfeffer und ein Schuss saure Sahne, dazu ein Stück Brot – ebenfalls köstlich. Den nächsten Tag nutzten wir für einen Spaziergang durch das Dorf. Ein zentraler Platz, Postamt, ein Dorfladen, immer wieder Kartoffelfelder, am Ortsrand ein Kinderheim, Viehhirten trieben eine kleine Kuherde von der Weide in die heimischen Ställe. Eine Flussbrücke, einziger Weg über den ehemals das Nachbardorf erreicht werden konnte, hatte eine Flut vor Jahren weggespült. Die idyllischen Fotos, die in Birjussa bei strahlend blauem Himmel entstandenen, täuschen ein wenig über die Armut hinter vielen Fassaden hinweg. Der Abschied von unserer freundlichen Gastfamilie fiel uns schwer.

Am Südufer des Baikal



Unser Aufenthalt in Irkutsk reichte gerade zu einem Spaziergang am Ufer der Angara, und einem gemeinsamen Abendessen bei unserer Gastfamilie. Früh am nächsten Tag wartete am Bahnhof ein Touristenzug, der uns über Sljudjanka auf der alten Bahntrasse direkt am Seeufer entlang nach Port Baikal bringen sollte. Zwar gibt es auf diesem heutzutage wirtschaftlich unbedeutenden Streckenabschnitt auch täglich eine fahrplanmäßige Zugverbindung, doch lockte der Touristenzug mit zusätzlichem Komfort und geplanten Fotostopps an lohnenden Stellen. Behäbig setzte sich der Zug, beladen mit 400 Touristen, bei dichter Bewölkung und Nieselregen im Morgengrauen in Bewegung. Zwei Stunden später, der Zug näherte sich gerade Sljudjanka, einem Ort an der südwestlichen Spitze des Baikalsees, hatte der Wettergott ein Einsehen. Die nun aufgerissene Wolkendecke gab einen ersten majestätischen Blick auf den Baikalsee preis. Das war er also, das heilige Meer der Burjaten, das größte Süßwasserreservoir, der tiefste und älteste See der Erde, seit 1996 UNESCO Weltnaturerbe.


In Sljudjanka machte der Zug Kopf und fuhr von nun an in die Gegenrichtung auf der eingleisigen Zweigstrecke entlang des Sees. Unzählige Tunnel und Brücken liegen auf dem Weg, vereinzelt kleine Dörfer, für die das Bahngleis, neben dem Weg über den See, die einzige Verbindung zur Außenwelt ist. An Fotomotiven mangelte es hier nicht, jedoch war schnelles Handeln das Gebot der Stunde, der Zug spie bei jedem Halt eine bunte Touristenschar in die Landschaft. Der Blick in die noch unberührte Natur war nur den Reisenden vergönnt, die den Zug zuerst verließen. Ein bedrückendes Industrialisierungszeichen begleitete uns an diesem Tag über viele Stunden. Der Blick auf die Rauchsäulen des gigantischen Papier- und Zellstoffkombinat Baikalsk, auch das „Monster vom Baikal“ genannt, am gegenüberliegenden Seeufer. Seit 1966 werden hier schwer belastete Industrieabwässer nahezu ungefiltert in den See geleitet, dessen Wasser sonst fast überall Trinkwasserqualität hat. Nationale Proteste dagegen waren bisher verhalten, da viele Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen, internationale Proteste durchweg erfolglos. .  Gegen Abend erreichten wir Port Baikal. Früher, vor der Fertigstellung der Transbaikalbahn, war dies der bedeutendste Hafen am See. Von hier aus brachten zwei Dampffähren Eisenbahnwagons auf die östliche Seeseite zur Weiterfahrt Richtung Pazifik. Vom einstigen Glanz kündet lediglich eine etwas überdimensionierte, teilweise zerfallene Hafenanlage und zwei Dutzend Holzhäuser. Nördlich von Port Baikal fließt die Angara, als breiter Strom, aus dem Baikalsee. Ein kleines Fährboot brachte uns auf die gegenüberliegende Flussseite nach Listwjanka, wo wir für die kommende Nacht Quartier bezogen.


Omul und Edelweiß, Schamanenfels und Jugendherbergsstimmung auf Olchon

Viktor, unser Taxifahrer, hatte es offensichtlich eilig. Die Zeit für einen Tankstopp, sowie das Mittagessen an der Autobahn nördlich von Irkutsk, waren knapp bemessen und auch die durchschnittliche Geschwindigkeit, mit der er seinen japanischen Van bewegte, ließ darauf schließen. Für Fotostopps blieb keine Zeit – sehr schade, blauer Himmel mit kleinen Schönwetterwölkchen, eine grandiose Tundra-Landschaft, kleine Salzseen links und rechts der Straße und auch die Piste selbst, die schnurgrade die hügelige Landschaft teilt, waren lohnende Motive. Versuche, aus dem fahrenden Auto zu fotografieren scheiterten, zum einen an der hohen Geschwindigkeit, zum anderen an der zunehmenden Anzahl toter Insekten auf der Windschutzscheibe. Der Grund für Viktors Eile wurde später klar. Das letzte Drittel unseres Weges zur Baikalinsel Olchon ist nicht asphaltiert, auf der Insel selbst gibt es lediglich Schotterpisten und auch die Fährverbindung zur Insel hat Tücken, mehrere Stunden Wartezeit sind keine Seltenheit. So benötigen wir für die ca. 400 km lange Strecke von Listwjanka nach Chuschir auf Olchon doch einen ganzen Tag.


Olchon ist die größte Baikalinsel. Sie erstreckt sich entlang der Westküste über eine Länge von 72 km bei einer durchschnittlichen Breite von 10 km. Die höchste Erhebung ist mit 1.276 m der Berg Schima im Nordosten der Insel. Nur 1.500 Menschen, größtenteils burjatischer Abstammung, bevölkern das Eiland, die meisten leben im Hauptort Chuschir. Am Nordrand des Ortes betreibt der Russe Nikita Bentscharow ein internationales Touristen Camp und verfolgt damit ein nachhaltiges, natur- und kulturnahes, ökologisch sinnvolles Tourismuskonzept. Die Begegnung mit dem Baikalsee steht im Mittelpunkt, nicht dessen touristische Ausbeutung, entsprechend gestalten sich das Freizeitangebot und die Ausstattung der Unterkünfte. Lagerfeuer statt Disco, kulturelle Veranstaltungen statt exzessivem Alkoholkonsum, geführte Wanderungen statt Wasserski stehen auf dem Programm. Fließend Wasser gibt es im Camp nicht, die angebotene Verpflegung ist einfach aber schmackhaft. Kaffee und Tee bekommt man kostenlos zu jeder Zeit. Der mit Holzbänken und Blumenbeeten nett gestaltete Platz vor der Rezeption ist Ort der Begegnung. Überwiegend aus Europa, Japan und Australien kommen Touristen hierher und finden schnell interkulturellen Kontakt. Ein wenig Jugendherbergsstimmung stellte sich ein.


Sieben Tage Ruhe auf Olchon, nach zwei Wochen Reise war dies der Urlaub im Urlaub, kein Wecker, kein Fahrplan, Zeit zur Muße, Zeit für die einzigartige Natur und natürlich Zeit zum Fotografieren, vielleicht auch Zeit für ein kurzes Bad in dem, auch im Sommer, eisigkalten See. Olchon ist ein Paradies für Naturfreunde. Ausgedehnte Graslandschaften im Südwesten, ein dicht bewaldeter Gebirgszug im Norden und im Osten, ein flacher schwefelhaltiger See in der Mitte der Insel, weite menschenleere Sandstrände im Wechsel mit schroff abfallenden Steilküstenabschnitten bieten reizvolle Abwechslung. Die Tier- und Pflanzenwelt hier ist im wahrsten Sinne des Wortes einzigartig. Viele Arten sind endemisch, prominente Beispiele sind der Omul, ein lachsartiger, wohlschmeckender Speisefisch oder die Baikalrobbe, die einzige Robbenart, die im Süßwasser lebt. Bei Spaziergängen über die weiten Tundra Flächen entdeckt man Blumenwiesen mit Edelweiß, Enzian und Rittersporn. Seltene Flechten wachsen auf schneeweißen Quarzadern und vielleicht hat man auch das Glück, einen der seltenen Apollofalter zu sehen.


Die Tage auf der Baikalinsel vergingen dann doch wie im Flug. Eine Mountainbike Tour über den Bergrücken an das Ostufer der Insel über sanfte unbewaldete Hügel auf der einen und durch dichte Birkenwälder auf der anderen Inselseite bescherten mir wundervolle Landschaftsmotive und eine Fülle kleiner Naturdetails. Bei einem Bootsausflug zum 40 km entfernten Kap Choboi, der Nordspitze der Insel, zeigte sich das Wetter von seiner stürmischen Seite. Der Skipper reichte Fischsuppe, da ich jedoch nicht hundertprozentig seefest bin, beließ ich es bei einem heißen Tee. Im Norden angekommen, hatte sich das Wetter beruhigt. Das Wasser schimmerte dunkelblau und die roten Felsen der Steilküste, durchzogen von weißen haushohen Quarzadern hoben sich perfekt vor dem blauen Himmel ab. Die marode Hafenanlage von Chuschir, mit ihren gestrandeten alten Fischerbooten und der ausgebrannten Fischfabrik im Hintergrund zeugen vom wirtschaftlichen Niedergang des Ortes, sind jedoch zu jeder Tageszeit lohnende Fotomotive. Breite staubige, zuweilen schlammige Straßen, durchziehen den Ort. An fast jedem der hölzernen Wohnhäuser findet man skurrile Details, kunstvoll geschnitzte Holzfenster, farbenfrohe Zäune und prächtiger Blumenschmuck in den Vorgärten.  Halbwilde Hunde liegen träge in der Mittagssonne, oftmals queren freilaufende Kühe die Dorfstraße und trotten zum Trinken an den Strand. Motoradgespanne mit hölzernen Beiwagen, bunt bemalte Omnibusse, Tanklaster aus den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, die wenigen motorisierten Fahrzeuge auf der Insel ziehen den Blick auf sich. Die bekannteste Sehenswürdigkeit der Insel jedoch ist der Schamanenfels unweit des Camps. Der markante, weit in den See reichende, Felsen wird seit Jahrhunderten als Heiligtum verehrt. Nach schamanistischem Glauben wohnt hier ein böser Geist. Nur Schamanen ist es erlaubt, zu rituellen Zwecken diesen Stein zu besteigen. In respektablem Abstand zum Felsen befinden sich Opferpfähle. Kleine Opfergaben, Geld, Zigaretten, Wodka aber auch Sonnenbrillen, Baseballmützen, Schraubenzieher und gar Kondome, sollen den Geist gütig stimmen. Ob aus Unwissenheit oder Ignoranz, für viele Touristen ist dieses alte Heiligtum lediglich eine attraktive Klettergelegenheit – sehr schade, wie ich finde.


Wenn es Abend wird auf Olchon und die Sonne im Westen hinter dem Baikalgebirge untergeht, dann wird es still, ganz still. Von den letzten Sonnenstrahlen gestreichelt wird der Schamanenfels tatsächlich zum magischen Ort. Der See leuchtet purpurn, türkis und lila und Menschen, die aus vielen Teilen der Welt hierhergekommen sind, schauen sprachlos zu. Fast ist es zu schade, in diesen Augenblicken in hektische fotografische Aktivität zu verfallen, aber ein paar Erinnerungsfotos mussten dann doch sein.



Der wilde Osten
Der Abschied von Olchon viel mir schwer. Auf der uns schon bekannten, und wohl einzig möglichen Route wurden wir in einem Taxi zurück nach Irkutsk gefahren. Unser Fahrer sprach neben russisch auch recht gut Französisch, zog aber während der rasanten Fahrt laute klassische Musik der Konversation vor. Es begann zu regnen, draußen jagte die Teigalandschaft vorüber und aus den Autolautsprechern erklang Schostakowitsch, eine merkwürdige Stimmung überfiel uns.

Obwohl wir nun schon drei Wochen unterwegs waren, lagen noch mehr als 4.000 km der Reisestrecke vor uns. Im Nachtzug überquerten wir das Hamar-Daban-Gebirge und erreichten im Morgengrauen die burjatische Hauptstadt Ulan-Ude. Es regnete, als uns unsere Gastfamilie am Bahnhof abholte. Es regnete immer noch, als wir drei Stunden später mit der Straßenbahn zu einer Stadtbesichtigung aufbrachen. Es war kein Vergnügen, bei 10° C und heftigem Dauerregen auf Entdeckungstour zu gehen. Am weltgrößten Lenindenkmal hasteten wir vorüber und flüchteten in ein Museum für Halbedelsteine. Die nächsten Fluchtpunkte waren ein Imbiss, ein Schuhgeschäft, eine Kirche und große Markthallen. Der Niederschlag bekam derweil sintflutartige Ausmaße. Die schmucke Fußgängerzone und weite Teile der Innenstadt waren überflutet. Geschäftsleute, Rentner und junge Frauen mit hochhackigen Schuhen versuchten, mit Regenschirmen bewaffnet, den Fluten zu entkommen. Autos schoben sich in Senken durch die Wassermassen. Ich hatte kaum Bedenken, bei dieser Gelegenheit die Wettertauglichkeit meiner Olympus Ausrüstung zu testen.


Schon am nächsten Vormitttag verließen wir Ulan-Ude. Auf der fast 3.000 km langen Bahnfahrt nach Chabarowsk hatten wir uns ein weiteres Mal bequeme Zweibettabteile gegönnt. Für weitere fünfzig Stunden war nun ein Zug auf der transsibirischen Eisenbahnstrecke unser rollendes Zuhause.  Die dünnbesiedelte ostsibirische Gebirgslandschaft beindruckte deutlich mehr als die eintönige westsibirische Tiefebene zu Beginn unserer Bahnreise. Immer wieder eröffneten sich aus unserem Abteilfenster grandiose Ausblicke auf wilde Flusstäler und weite hüglige, von Birkenwäldern unterbrochene Tundralandschaften. Man kann sich nicht satt sehen an dieser Landschaft. Im klimatisierten Zugabteil spürte man nichts und auch ein Blick in die Landschaft verriet kaum, dass es draußen immer heißer wurde, je weiter der Zug nach Osten vordrang. Auf den Bahnsteigen schleppten Männer mit nackten Oberkörpern Kartons, die Zugbegleiterinnen schwitzten in ihren korrekten Uniformen. Wieder wurden an den Haltestellen alle denkbaren Lebensmittel und Getränke feilgeboten. Frische Blaubeeren und Kwas, ein verbreitetes kohlensäurehaltiges Erfrischungsgetränk, das aus Wasser, Roggen und Malz hergestellt wird, waren meine Favoriten in der schwülen Hitze. Natürlich ließ ich keine Gelegenheit aus, interessantes sibirisches Bahnhofsleben auf meiner Speicherkarte zu bannen.



Unerwartete Perle


Chabarowsk ist anders, als die uns nun bekannten sibirischen Städte. Schon die Einfahrt über die drei Kilometer lange doppelstöckige Amur Brücke in die Stadt beeindruckt. Modern und aufgeräumt präsentiert sich die noch recht junge 600.000 Seelenmetropole. Im Westen schmiegt sich der mächtige Amur wie ein blaues Seidenband an die Stadt. Hoch über dem Ufer thronen zwei prächtige, neuerbaute, orthodoxe Kathedralen. Das Zentrum ist hügelig und die Straßenverläufe, mit den Tramschienen in der Straßenmitte, erinnern ein wenig an San Franzisco. Am Steilhang zum Fluss und in den Stadttälern erstrecken sich weitläufige Parkanlagen mit Sporteinrichtungen, kleinen Seen, Blumenbeeten, Skulpturen und Brunnen. Die günstige geografische Lage beschert der Stadt unverkennbaren Reichtum. Japanische und koreanische Investoren haben Chabarowsk als Tor zum Westen entdeckt und große Summen in Infrastruktur und Produktionsstätten investiert. Bei Temperaturen jenseits der 30° Marke, unerträglicher Luftfeuchtigkeit, stürmischem Wind und zunächst dichter Bewölkung, bot das klimatisierte Zimmer im Hotel „Intourist“ eine durchaus angenehme Alternative zu einem ausgedehnten Stadtrundgang. Tropische Witterung hatten wir in Sibirien nicht erwartet. Die Neugier siegte letztendlich über die wetterbedingte Trägheit.  Die Erlaubnis der Hotelverwaltung, ein paar Fotos vom Dach des 15. stöckigen Gebäudes zu schießen, bereitete mir große Freude.  Überraschend war, dass im Bahnhofsumfeld von Chabarowsk nicht, wie sonst üblich, mit Reiseproviant gehandelt wurde. So stiegen wir ohne Verpflegung zum letzten Mal auf dieser Reise in einen Zug der Transsibirischen Eisenbahn.


Die letzten Kilometer

Zug Nr. 5 mit dem bezeichnenden Namen „Okean“ sollte uns über Nacht zum Ziel unserer Reise, die ca. 700 km südlich liegende Hafenstadt Wladiwostok bringen.  Bis 1991 war diese Stadt für Touristen und auch für die meisten Russen verboten. Der wichtigste Stützpunkt der sowjetischen Pazifikflotte sollte weitgehend vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Unser Abendessen im Zugrestaurant war einfach, der mitgebrachte Hunger machte es gar schmackhaft, der Preis war angemessen. Unseren mittlerweile recht abgenutzten Reiseführer sprach Wladiwostok die Eigenschaft eines glamourösen Reiseziels ab, der Bahnhof sei das wohl beeindruckendste Bauwerk der Stadt, las ich vor dem Einschlafen.


Bei dichtem Nebel rollte der Zug am nächsten Vormittag in Wladiwostok ein. Tristesse, rostige Wellblechdächer über den Bahnsteigen, der Blick wanderte über marode Hafenanlagen zu Plattenbauten und uncharmanten Verwaltungsgebäuden. Im Hafen gleich neben dem Bahnhof dümpelten riesige graue Kriegsschiffe im grauen Wasser. Der Name „Goldenes Horn“, für diesen Zipfel der Welt, erschien mir in diesem Moment frei erfunden. 9288 km bis Moskau, war auf dem Denkmal für den Bau der Transsibirischen Eisenbahn zu lesen. Im Hintergrund stand eine ausgediente Dampflok. Das obligatorische Gruppenfoto vor dem Denkmal schoss ein freundlicher japanischer Tourist. Der Reiseführer hatte nicht unrecht, das Bahnhofsgebäude war tatsächlich eines der schönsten Gebäude der Stadt. Stilistisch erinnerte es an den Jaroslawler Bahnhof in Moskau, dem Ausgangspunkt unserer Bahnreise. Unser auf einer Anhöhe gelegenes Hotel versprach Pazifikblick aus allen Räumen -  bei diesem Wetter ein Wunschtraum.


Den Nachmittag vertrieben wir uns in den Straßen der Stadt. Es war immer noch furchtbar heiß. Unter dem „Denkmal für die Kämpfer der Sowjetmacht im russischen Fernen Osten“ fotografierte ich junge Pärchen beim Füttern der Tauben. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes flackerte auf einem riesigen Flachbildschirm Werbung für japanische Autos, die lautstarke Unterstützung über die Lautsprecheranlage erfuhr, die wohl einst zur Untermalung militärischer Paraden installiert wurde. Mit einem Becher Kwas und gekauftem Gebäck machte ich es mir auf einer Bank bequem beobachtete das Treiben und lies die Zeit verstreichen. Dieser Ort mit seinen seltsamen unwirklichen Reizen eignete sich vorzüglich, noch einmal die Reise Revue passieren zu lassen. Ich war zufrieden.


Der nächste Tag sollte der längste meines Lebens werden. Morgens um acht brachte uns ein Taxi zum Flughafen. Kein Fensterplatz im Großraumjet, der Flug über 7 Zeitzonen nach Moskau war langweilig, immerhin servierte man der jeweils aktuellen Tageszeit entsprechend zweimal ein Mittagessen. Zu gerne hätte ich noch einmal einen Blick von oben auf den Baikalsee geworfen. Auf dem Moskauer Flughafen Scheremetjewo, quälende fünf Stunden Wartezeit auf den Weiterflug nach Berlin. 26 Stunden nach unserem Aufbruch im fernen Osten lag ich endlich in einem weichen Bett und schlief auch umgehend ein. Mehr als 6.000 Fotos habe ich auf dieser Reise mitgebracht. Die Olympus E-420 ist auch nach der Reise, zusammen mit dem hervorragenden 25mm Pancake Objektiv, zu meinem ständigen Begleiter geworden. Beim Betrachten der Fotos überfällt mich jedes Mal das Fernweh. Ich werde wieder nach Sibirien fahren – im Winter, wenn der Baikal zugefroren ist.

Anmerkung:
Dieser Artikel erschien in leicht gekürzter Form im Magazin "Foto Praxis" Ausgabe 04/09 sowie auf dem Fotoblog "digiklix.de" meines Freundes Gordon Gölsken (+)