Montag, 21. September 2015

Wendland


Nun wird es langsam Herbst. Die Rastlosen packt das kalte und dunkle Grauen, Monate lang tatenlos in der beheizten Wohnung sitzen und nach Besserung sehnen ist eine üble Angelegenheit, drum muss man noch Mitnehmen was eben geht. Das Wendland zum Beispiel, ich war noch nie im Wendland, ein unverzeihlicher Fehler wie ich eingestehen muss - diese Land ist überaus liebenswürdig, doch mehr dazu später. 



Erträgliche Temperaturen waren angekündigt, bis zu 8 Stunden Sonnenschein dazu. Eigentlich hätten wir zu vielen fahren mögen, am Ende blieb ein Freund und der Pinscher übrig. Treffpunkt Hauptbahnhof, der Metronom nach Lüneburg würde gegen halb zehn abfahren. Nach einem gemeinsamen Frühstück sollte dann die Tour einmal quer durchs Wendland bis nach Hitzacker gehen, nach dem Überqueren der Elbe zu unserem Nachtquartier in Dömitz und am nächsten Tag dann weiter nach Uelzen. Sollte - wie so oft kam alles anders. Schon die Gassirunde mit dem Pinscher endete nass. Am Bahnhof tropfte alles. Die Anzahl der Sonnenstunden im Wetterbericht war über Nacht auf 0 Stunden zusammengeschrumpft, lediglich Richtung Elbe sollte es besser sein. So stiegen wir in Lüneburg dann auch kurz entschlossen in die Wendlandbahn, um, so hofften wir, in Dannenberg auf besseres Wetter zu stoßen. Das Bistro am Bahnhof bot zu dieser vorgerückten Stunde nur noch frischen Kaffee, essbares war aus. Bei einem ToGo Becher machte der Hund eine Runde selfgassi während wir Regenzeug überzogen. Zielaktualisierung: Wittenberge an der Elbe und dann am Strom zurück nach Dömitz. 


Meine Stimmung war gut, trotz ergiebigem Regen, mäßigem Wind, Sandpiste und ungeplanten Bergen. Das Wendland verzaubert. Ausgedehnte Wälder, weite Felder, schöne Orte und ganz viel Nichts. Verlassene Häuser am Straßenrand, vollmöbliert, Tassen noch alle im Schrank - Gorleben, Republik freies Wendland, Widerstand. War das wirklich nötig mit der Atomkraft? Nun haben wir den Salat und die Kastoren dort drüben auf dem Acker. Müsliriegel gegen den schon nicht mehr kleinen Hunger. Beim Anblick der reichlich vorhandenen Pilze am Straßenrad frotzeln wir etwas herum. Ein einziger würde locker eine Bratpfanne füllen. Ob die nachts wohl leuchten?


Ein Gasthof lockte. Sonnen, oder heute eher Regenschirme draußen - der Reiseradler liebt es, erspart das doch die Sicherung von Rad und Reisegepäck. Kaffee gab´s und Apfelstrudel mit Eis, kein anderer Kuchen, ohne Eis kost das Selbe - nun denn, der Hunger war schlimmer als die Kälte. Plankorrektur: Da es immer noch regnete, Elbquerung in Schnakenburg statt in Wittenberge, das würde 40 Kilometer sparen und den restlichen Tagesverlauf entspannen. 


So machten wir es, und es war gut so. Elbe abwärts blies uns ein kräftiger Wind ins Gesicht und machte das Radeln mühsam. Die Belohnung bestand aus einem meist freien Blick vom Deich auf den Strom. Niedrigwasser, die Tonnen lagen auf Grund und den ganzen Tag begegnete uns kein Schiff. Offenwar war die Schifffahrt auf der Elbe derzeit eingestellt. 


Ohne Einweisung findet der Pinscher meist den ihm gebührenden Platz, und das in jeder Unterkunft. In Dömitz war das nicht anders. Unsere Herberge war hübsch, gepflegt, es gab einen sicheren Abbstellplätze für die Fahrräder und ordentliche Zimmer mit Dusche, ein überflüssiges Fernsehgerät aber leider kein W-Lan. Die Heiße Dusche war nötig und verdient. Recht bald machten wir uns auf, ein angemessenes Abendessen zu jagen. In der Empfohlenen Musikkneipe gab es nur noch freie Tische  bei der Band. Das erschien uns zum Essen wenig attraktiv, drum wählten wir einen anderen Gasthof. Vorspeise, Fleisch, Nachspeise, wir nahmen alles mit, schließlich war das die erste richtige Mahlzeit heute. Danach machte sich recht schnell Bettschwere breit. Noch eine kurze Hunderunde und gegen halb 11 lagen wir auch schon im Bett. Die zeit bis halb zwei verlief dann folgendermaßen: Das Hoftor knarrte, der Hund knurrte, Übernachtungsgäste kamen auf den Hof, setzten sich unter mein Fenster, zündeten sich eine Zigarette an. Er erklärte ihr den Sternenhimmel, die Haustür knarrte, die Holztreppe quietschte, der Hund knurrte, die Zimmertür klemmte - Rums! Das wiederholte sich vier oder fünf Mal. Nach kurzem Schlaf begann die Hausherrin gegen sechs Uhr mit den Frühstücksvorbereitungen. Warum noch liegen bleiben, Da könnte man doch mal mit dem Hund durch die Stadt und auf den Deich? 


Dömitz ist eben so schön wie tot - fast jedes dritte der Fachwerkhäuser im herausgeputzten Stadtkern steht leer. Nach nicht verifizierten Angaben hat die Stadt fast die Hälfte ihrer Einwohner in den letzten 20 Jahren eingebüßt. Leere Straßen, der Zerfall ist wohl nicht aufzuhalten. Der Blick vom Deich am Sonntag Morgen erbaut jedoch und machte Lust auf Frühstück. Die ungute Vorahnung, die ich gestern schon, als der Heizkörper sich nicht aufdrehen ließ und das Licht im Hausflur schon nach einer halben Etage Fußweg wieder erlosch, bestätigte sich beim Frühstück. Mit den attributen "einfach" und "spartanisch" ist es gut beschrieben. Dei Hausherrin verabschiedete sich nach kurzer Zeit mit den Worten "....sie haben ja noch, ich gehe mal eine Runde spazieren." Welch kluger Schachzug zu diesem Zeitpunkt. 


Ein zweites Frühstück beim Bäcker in Hitzacker war so unvermeidlich. Während ich Spatzen fütterte kam ein, früher hätte man wohl gesagt, Landstreicher vorbei und fragte ganz ungeniert nach 5 Euro. Der Preis erschien uns überhöht, jedoch ließ der Mensch überhaupt nicht mit sich handeln. Angebote von einem belegen Brötchen schlug er mit der Begründung, keinen Hunger zu haben aus. Soweit wir beobachten konnten, waren seine größten Erfolge an diesem Sonntag Morgen heftiges Kopfschütteln von ebenfalls angesprochenen Passanten. Planänderung: statt Uelzen würden wir jetzt Lüneburg ansteuern. Dies wäre der Weg von gestern gewesen und hätte den Vorteil häufiger und günstigere Bahnverbindung, erkauft mit ein paar zusätzlichen Bergen und einer etwas weiteren Fahrstrecke. Wendland, lieblich wie gestern, heute sogar mit ein paar Sonnenstrahlen. Ich musste wieder an meinen Traum vom Micro-Wochenenddomizil denken, das Wendland wäre  auch ein heißer Kandidat. 


Den Herbst in den Knochen, vom Gegendwind und den Hügeln etwas zermürbt, kamen wir am späten Nachmittag in Lüneburg an - nicht jedoch zu spät für einen der Situation angemessenen Abschlußkuchen, bevor sich unsere Wege trennten. In der Bahn nach Hamburg dachte ich darüber nach, dass der Herbst ja gerade erst angefangen hat, und ich sicherlich noch einmal an die Elbe oder ins Wendland fahren könnte in diesem Jahr. Wie schön das doch wäre, damit nicht bis ins nächste Jahr zu warten









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