Donnerstag, 27. August 2015

Teufelsmoor




Das Projekt: "kleine Pinscher erkundet die große Welt alleine" darf man als gescheitert ansehen. Wir haben uns für die Zukunft wieder auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt und wollten am Wochenende gleich einsteigen. Freitag, 30° C, Badewetter - Ostsee. Wie es immer so ist, hat man noch etwas anderes zu tun bevor man starten kann und so verzögerte sich die Ankunft am kühlen Nass auf eine bereits kühle Stunde. Das Wetter sollte noch eine weile kuschelig bleiben und so saß ich zur Abenddämmerung auf der Hermansshöhe und sann über die nächsten Tage nach. Warum keine zweitägige Tour? Ich fingerte einen Zettel aus meinem Portemonnaie - putzig, dreistellige Telefonnummer, plattes Land und schön solle es dort sein. Ja, ein Zimmer sei wohl noch frei. Was? Nein, Hund gehe nicht, überhaupt nicht. Plan B: "Meine Kollegin war am Wochenende mit einer kleinen Radlergruppe bei Ihnen, die hat sooooo gebschwärmt und bei Ihnen sei es so schön....und überhaupt, dieser Hund ist ja gar kein echter Hund, das ist eher eine habe Katze, so von den Proportionen, und nein Haaren tut der nie, ich habe noch nie ein Haar gefunden". Schweigen im Walde. "Da muss ich erst mal meine Frau fragen, kann ich sie zurück rufen?" Siegesgewiss lehnte ich mich auf meiner Bank zurück und ließ Augen und Gedanken in die Ferne schweifen.






Alleine aufbrechen hat etwas besonderes. Das Magnetfeld des trauten Zuhauses will überwunden werden. Man hat niemanden, mit dem man das kommende Erleben teilen darf, aber man kann seinen ganz eigenen Rhythmus leben. Nun, so ganz alleine war ich ja nicht, ein Pinscher ist ein prima Reisebegleiter. Noch gemütlich frühstücken und dann los. Erst mal mit der S-Bahn für kleines Geld an den südwestlichen Stadtrand. Klein war auch das Gepäck - ich hatte den Ehrgeiz mit einer einzigen Packtasche auszukommen. Von meinen neuen Klickpedalen war ich begeistert. Die alten, gekauft im Frühling, hatten einen Lagerschaden. Billig kaufen heißt zweimal kaufen, musste ich mir wieder einmal eingestehen. Mutig war ich jetzt auch auf beidseitige Klickpedale umgestiegen, das Liegerad fahre ich eigentlich nie ohne Fahrradschuhe. Eine feste Verbindung zwischen Fuß und Pedal - gefährlicher Blödsinn habe ich 15 Jahre lang gedacht. Das denkt man allerdings nur genau so lange, wie man es nicht ausprobiert hat. 


So waren wir also wieder unterwegs, der Pinscher und ich - endlich wieder auf kleiner großer Tour. Einmal den Höhenrücken hinter Harburg überwunden geht es flux durch den südlichen Hamburger Speckgürtel. Bilderbuchreife Niedersachsendörfer mit alten Fachwerkhöfen und kleinen und großen Villen dazwischen. Die Menschen mähen Rasen, schneiden Hecken, zupfen Unkraut, schleppen Einkaufstüten, waschen Autos und schlimmstenfalls rücken sie mit einem Kärscher den Gehwegplatten vor dem Haus zu Leibe. Sind die Samstags Abends wirklich glücklich mit ihren gekärscherten Gehwegplatten und dem geputzten Auto? Jeden Samstag? Die besten Jahre ihres Lebens? Welch eine gigantisch kumulierte Zeitverschwendung.  Ich möchte sehen, hören, riechen (mit Sicherheit kein Gemähtesrasenzweitacktgemisch), mich (fort)bewegen und Ausstrahlung von Orten fühlen. Meine "Lage im Raum" ausloten - kann man das auch mit einem Gartenschlauch in der Hand? Fragen über Fragen, die erst aus dem Kopf wichen, als ich mich mit dem Vorderrad in einem Sandhaufen festgefahren hatte. Da dort begann das Fluchen. Ja ich wusste es, aber ich hatte es verdrängt. Fernradweg Hamburg-Bremen, Europaradweg 3, Osteradweg und Melkhusroute hier gebündelt in einem Sandhaufen. Hat diesen Fahrradroutenerfindern denn niemand erzählt (dass sie selbst je auf einem Fahrrad gesessen haben möchte ich einmal ausschließen), dass man auf losem Sand nicht Fahrrad fahren kann? Das so etwas unangenehm bis lebensgefährlich ist? Nach zwei Kilometer fluchend bepacktes Fahrrad schieben erschien das nun folgende Kopfsteinpflaster fast wie eine Erlösung. 


Nein - war jetzt nicht alles doof. Die Osteniederung ist lieblich, immer wieder schöne Blicke auf den noch jungen Fluss. Wälder und Felder wechselten sich ab und ein kleiner Höhepunkt war (einmal mehr ) die Einkehr im Landfrauen-Café Eitzmühlen. Die Dinkel-Preiselbeertorte dort ist, bescheiden ausgedrückt, großartig. 

Mein Kollegin hatte recht. Es war schön, furchtbar schön dort. Rasen gemäht, Hecke geschnitten, Gehweg gekärschert, kleiner Springbrunnen, Geranien draußen, Kunstblumen drinnen und an den Wänden erbauende Sprüche. Ich wurde freundlich vom Herren des Hauses begrüßt. Joschi wurde weniger freundlich von der herrlichen Katze des Hauses begrüßt. Mein verstaubtes Fahrrad durfte ich hinter dem frisch geputzten Deutz, Baujahr 64, parken. Der Motor war noch warm und es waren gerade neue Reifen aufgezogen. Essen könne man im Grünen Jäger, aber nur ohne Hund oder draußen, die Wirtin habe eine Hundeallergie. Ich richtete mich in der kleinen plastikblumenfreien Dachgeschoßwohung ein, warf alles stinkende und staubige von mir und duschte ausgiebig. Zum nachtrocknen legte ich mich aufs Bett und mühte mich um Verbindung zur Welt. E-Netz, D-Netz, Telefon, Internet, W-Lan, alles Fehlanzeige. So war es dann nun, ein ganz neues Lebensgefühl, wie lange hatte ich das nicht mehr erlebt? Das Schnitzel im "Grünen Jäger" erschien mir klein - tatsächlich jedoch war der Teller sehr groß. Der Kellner duzte gnadenlos, es war mir etwas unangenehm, aber ich wollt nicht auffallen und duzte freundlich zurück. Am Nebentisch instruierte ein Patriarch seine neu erworbenen rumänischen Arbeitstiere. Dabei ließ er es nicht an gutem Essen, jovialen Sprüchen, Alltagssexismus und Schnaps fehlen und nein, das sie alles nicht giftig sondern nur aus Stein. Ab und an fuhr auf der Straße eine moderne Landmaschine im Terminator-Look vorbei, deren Funktion sich meiner Vorstellungskraft meist entzog. Noch ein Pott Kaffee. "Nein, den Schnaps aufs Haus darfst Du selbst trinken, vielen Dank". Ich schlenderte mit Joschi noch einmal kurz an die Oste, Gehgeschwindigkeit bewusst an den Hund angepasst, dann durchs Dorf hinauf zu meiner Unterkunft. Welch ohrenbetäubende Ruhe, zweieinviertel Seiten Andreas Altmann auf meinem E-Buch und mir fehlt jede weitere Erinnerung. 


Frühstück neben dem Waffenschrank, wieder ein neues Erlebnis. Es gab alles, alles im Überfluss. Ich ließ mir mit jedem Bissen Zeit, unendlich viel Zeit. Zufällig fielen kleine Stückchen Lachs dem Pinscher vor die Füße, aber er beschwerte sich nicht. Gemütlich packen, herzlich verabschieden. Ich darf wiederkommen mit meinem kleinen Hund. Nach wenigen Kilometern Richtung Osten erreichte ich das Teufelsmoor. Wie der Name vermuten lässt,  eine einst ungastliche Gegend, die erst seit gut 200 Jahren besiedelt ist. Ich glitt dahin, im Schatten war schon Herbst, bei Sonnenschein noch Sommer. Ich hatte Freude an den Temperaturgegensätzen.  Am Oste-Hamme-Kanal legte ich eine Rast ein. Dieser in der Sohle 4 m breite und 90 cm Tiefe künstliche Wasserlauf war, mit Klappstauen versehen, die erste schiffbare Verbindung zwischen Elbe und Weser. Der Kanal diente desweiteren der Entwässerung des Moores. Auf Torfkähnen wurde gestochener Torf als Heizmaterial nach Bremen gebracht. Die Torfschicht im Moor hat eine Dicke von bis zu 20m. Einst trocken gelegt, versucht man heute die durch Entwässerung und Torfabbau fast verschwundene Naturlandschaft zu rekonstruieren. Nachdem eine krakeelende Gruppe Wandervögel weiter gezogen war, ließen wir uns zu eine weitere kleine Pause am Ufer der Hamme nieder. 


Worpswede, die "Teufelsmoorhauptstadt", ist für Kunstinteressierte immer eine Reise wert. Gut zwei Dutzend namhafter Künstler haben sich bei ihrem Schaffen in den vergangenen drei Jahrhunderten vom Teufelsmoor inspirieren lassen. So ist Worpswede ein lohnender Tourismusmagnet, bei dessen Genuss ich mich jedoch an diesem sonntäglichen Mittag auf Architektur to go (oder to roll) beschränkte. Zu viel Volk unterwegs. Das ließe sich aber mühelos steigern. Auch das Teufelsmoor hat seinen Ballermann - genannt "Neu-Helgoland". Blechlawine, Campingplatz, Naturfreibad in der Hamme, Ausflugsdampfer, Kutscher, Paddler, Reiter, Wurstbuden, Bierbäuche, Kinderkrähen - das gesamte Paket Sonntagnachmittagfamilenwonne auf einem einzigen Hektar. Slalom, klingeln, nichts wie weg da und nur ein paar Hundert Meter weiter hat uns die Ruhe wieder. 


In der kleinen Kreisstadt Osterholz gab´s Kaffee und Kuchen auf dem Markplatz. Der Pinscher räkelte sich in der Sonne. Seit seinem Verschwinden zieht er weitere Kreise, liegt auch gerne einmal demonstrativ 20m entfernt. Ich glaube da sollten wir noch einmal dran arbeiten. Hamme und Wümme folgend erreichte ich ein Stündchen später die Hansestadt Bremen. Das der Metronom 10 Minuten Verspätung hatte passte gerade prima. Das ich keine Fahrkarte für das Fahrrad hatte, ließ sich von der Schaffnerin auf meinem Online-Ticket nicht zweifelsfrei nachweisen In dubio pro reo - darauf hatte ich auch vertraut, als ich mich in die Abgründe des Bahnkartenkaufs stürzte. Konsequentes Beineausstrecken beim sonntäglichen Tatort und dabei Nudeln mit Pesto futtern war die Abendbeschäftigung - es ist ja nicht verboten, dabei schon einmal über das nächste Wochenende nachzudenken.