Samstag, 9. August 2014

Anderswo


Wenn im Winter das Tageslicht schon um 15:30 Uhr verschwindet und es draußen regnet und stürmt, dann sitze ich oft an meiner virtuellen Landkarte und vertreibe mir die Zeit mit Überlegungen von wo nach wo ich denn, wenn die Tage wieder länger und das Wetter wieder besser werde, radeln kann. Zehn Gehminuten vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt zu wohnen ist dabei durchaus ein Privileg. Im Stundentakt oder häufiger in 7 Himmelsrichtungen  aufbrechen zu können ist, auch wenn ich immer mal wieder über die Bahn schimpfe, eine großartige Sache und erweitert den Strauß der Möglichkeiten gewaltig. Heute hatte ich eine solche Tour im virtuellen Gepäck. Man mag ja auch gerne mal Anderswo radeln.

Traditionell fange ich auch heute wieder mit einer Bahnbeschimpfung an. Tickets online Buchen und zu Hause ausdrucken erspart den lästigen Gang zum Schalter oder zum Ticketautomaten, es spart Zeit, Wechselgeldärger (Jackpot!) und man kann am Bahnhof gleich in den Zug hüpfen. Dies ist, hat mein Pinscher, Packtasche und Fahrrad dabei, sehr angenehm. "Fahrradkarten lassen sich zusammen mit dem Fahrschein buchen...." schreibt die Bahn in ihren FAQs, die ich las, nachdem ich es mehrfach erfolglos versucht hatte. Bei der Buchung eines Ländertickets wird diese Option nicht angezeigt und einzeln kann man eine Fahrradkarte nicht kaufen. In passender Laune als Streiter gegen die Dummheit in der Welt wollte ich mich heute mal wieder mit dem Schaffner anlegen. "Aufzug defekt!" stachelte die Kampflaune an. "Dann müssen sie eben zum Automaten gehen und dort einen Karte ziehen..." ätzte der Schaffner. "Ich nutzte doch nicht die von ihnen als einfach und bequem angepriesene Option bequem zu Hause eine Fahrkarte zu kaufen um dann doch noch mit Gepäck, Hund und Fahrrad solch eine Dusselige Fahrradkarte am Automaten kaufen zu müssen..." ätzte ich zurück. "Außerdem war der Aufzug wieder mal defekt!" Der Schaffner bestand darauf, ich sein ein Schwarzfahrer, scheute aber  die Konsequenz anzuwenden. Wir ätzten noch ein bisschen hin und her, bis ich in Rotenburg a.d. Wümme den Zug verließ. Der Aufzug in Rotenburg war defekt. Ich bestellte mir eine Kaffee am Kiosk und beschloss mir eine Fahrradkarte am Automaten zu kaufen. Ohne Fahrradkarte wird die Welt auch nicht besser. 

Verden an der Aller

Der Weg führte uns Richtung Südwesten. Eichenalleen, Maisfelder und für die norddeutsche Tiefebene erstaunlich viel Wald. Backstein, Fachwerk, Reetdächer - romantische niedersächsische Dörfer, genau so, wie man sich romantische niedersächsische Dörfer vorstellt. Selbstverständlich Pferde, schließlich waren wir ja in Niedersachsen. In Verden an der Aller überquerten wir eben diese. Ein hübsches kleines Flüsschen - schiffbar, einst, über die Leine,  Anbindung Hannovers an die norddeutschen Häfen, seit dem Bau des Mittellandkanals jedoch für die Berufsschifffahrt unbedeutend. Wir hielten inne und betrachteten von der gegenüberliegenden Flussseite das Stadtpanorama, d.h. ich betrachtete das Stadtpanorama und der Pinscher markierte vorsorglich das neue Revier an der Aller. 

Einen Katzensprung weiter erreichten wir die Weser. Der Fluss war breiter, die Schiffe größer, wir folgten dem offiziellen Weserradweg. Zur üblichen Tageszeit stellte sich Kuchenhunger ein. Ein Pappaufsteller am Wegesrand wies auf einen ansässigen Dorfbäcker hin, nur 150m , welch glücklicher Umstand.  Die Bedienung war sowohl lustlos als auch unfähig. Schmutziges Geschirr stand auf den Tischen, der Kaffee war lauwarm, die georderten Kuchenstücke waren zu klein. Dies war aber ok, nachdem ich das Geschmackskriterium in die Endnote einfließen ließ. Hundetränke: Fehlanzeige! Mal gewinnt man, Mal verliert man. Das große Los war unsere ausgewählte Route auch nicht. Was da im Winter mit dem Finger auf der Landkarte ganz nett aussah, war in der Realität ziemlich ernüchternd. Überwiegend dicht achtern hohen Deichen und auf, wenn auch sehr guten, Radwegen längs stark befahrener Straßen, das entsprach nicht meiner Vorstellung vom gepriesenen Weserradweg. 

Plötzlich, wir hatten gerade die Grenze zur Freien Hansestadt Bremen überquert, wurde alle anders. Der Weg führte auf den Deich, Schiffe, Segelboote, badende Menschen am Fluss, Radfahren fern ab vom Verkehr. Wie blöd, war das das denn? Das Ziel war nur noch wenige Kilometer entfernt. Ein Blick auf die Uhr, ein Dialog mit den Beinen, ein prüfender Blick auf den Pinscher, der heute ungewöhnlich brav in seinem Körbchen saß und die Fahrt genoss - da war noch was drin, der Abend war noch jung. Wir ließen uns auf dem Deich nieder, beobachteten den Badebetrieb in der Weser und ich suchte auf meinem Smartphone nach einer möglichen Verlängerung der Tour. 

heute wieder superbrav

Zwischen Lemwerder und Vegesack gibt es eine Fähre über die Weser. 20 km den Fluss hinab und auf der anderen Seite wieder zurück, das schien eine entspannende Lösung zu sein. Auf meinem GPS Gerät hatte ich diese Erweiterung natürlich nicht eingespeist. Großartig sind in solch einem Fall die kostenlosen niederländischen Open Fits Map. Zwar ist Deutschland auf diesen Karten in West-Ost Richtung zweigeteilt, jedoch beherrschen die Karten ein vergleichsweise sehr gutes Routing auf Fahrradwegen. Ziel eingeben und man kann sich darauf verlassen in unbekannten Gegenden weder auf einer Autobahn noch in irgend einer Pampas zu landen. Es ist durchaus üblich auf nicht ganz blöden Routen zum Ziel geleitet zu werden. So war es auch dieses Mal. 


hätte sicherlich den Bechers gefallen


Die Bremer Innenstadt zog auf der anderen Weserseite vorbei. Der Bremer Hafen (nicht zu verwechseln mit Bremerhaven bietet Fotomotive, die mit Sicherheit die Bechers begeistert hätten. Eine vollautomatisch Packetsortierverteilhalle mit einem Gewirr von Fließbändern und einer gläsernen Außenhaut zog uns genau so in den Bann wie eine Herde von Jungbullen auf einer Weide - mich eher ersteres, den Pinscher eher die großen Tiere. 

Jungbullen


Die Fahre nach Vegesack fuhr im 15-min-Takt. Es war kühl geworden. Ich studierte den Zugplan und entschied mich für das Unmögliche. 12,4 Kilometer bis zum Bahnhof in einer unbekannten Stadt in 35 min, das konnte nur schief gehen. Na und? Dann würden wir noch die Stadtmusikanten besuchen und den nächsten Zug eine Stunde später nehmen. Als Hamburger staunt man oft nicht schlecht, was in anderen Städten alles möglich ist. Z.B. dieser Radweg in Bremen, der die Stadt durchquert und Vorrang vor dem Autoverkehr hat. Tatsächlich musste ich auf dem Weg zum Bahnhof nur 3x an einer Ampel anhalten und so wurde dann auch die für den Stadtverkehr unglaublich Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 20 km/h möglich.  Wie sehr würden wir in Hamburg solch einen Weg zwischen Alster und Altona brauchen, aber die Freie Autostadt Hamburg ist weit von solchen Segnungen entfern.